futurestrategy
Stephan Bohle, Mitgründer von futurestrategy und Unternehmensberater
Green Lifestyle - Mit Innovationen zum Handel der Zukunft
Autor: Stephan Bohle, futurestrategy
September 2010 - Rudolph Karstadt war innovativ. 1881 gründete er in Wismar sein erstes „Manufactur-, Confections- und Tuchgeschäft”. Zum ersten Mal gab es ein breites Sortiment unter einem Dach, der Warenkauf wurde zentral abgewickelt, was höhere Gewinnmargen ermöglichte und es wurden Festpreise eingeführt. 1920 betrieb er bereits mehr als 30 in ganz Deutschland. Bis in den siebziger Jahren hat man von dieser Innovation gut leben können. Karstadt, Kaufhof und Co. waren fester Bestandteil der Einzelhandelslandschaft. Versäumt aber wurde anscheinend, Rahmenbedingungen für Innovationsprozesse in den Konzernen zu schaffen. Besucht man heute die Häuser, kann man sich nicht dem Eindruck erwehren, dass es sich um Relikte aus vergangenen Tagen handelt oder man ist von einem monotonem Angebot frustriert.
Innovationsmüde
Letztens unternahm ich einen Tagesausflug von Berlin nach Dresden. Ich war ein paar Jahre nicht mehr dort und war neugierig, wie sich die Stadt an der Elbe inzwischen entwickelt hat. Gleich am Hauptbahnhof angekommen wird man auf die neue Einkaufsmeile ausgespuckt, die sich bis zur Altstadt erstreckt. Es ist doch dramatisch, wie sich diese Einkaufstrassen in allen Städten gleichen und gleich eintönig sind. Die großen Filialisten und Ketten haben die Fußgängerzonen fest im Griff. Das Angebot ist überall nahezu identisch. Ist das gut für den Handel und für die Menschen? Es herrscht ein brutaler Verdrängungswettbewerb, weil der Einzelhandel seit Jahren nicht mehr wächst und die Umsätze sogar eher rückläufig sind (Quelle: Statistisches Bundesamt). Eine große Zahl von gelangweilten Konsumenten wandert in das Internet ab (mit 16 Milliarden Euro Umsatz ein Plus von fast 20% gegenüber dem Vorjahr, Quelle: GfK). Weil es bequemer ist und weil das Angebot VIELFÄLTIGER ist.
Die "Großen" scheinen innovationsmüde. Herr Berggruen wird zwar nicht müde zu betonen, dass Karstadt modernisiert, das Shopping bei Karstadt zum Erlebnis und das das Angebot attraktiver werden muß. Ich meine, dass auch das alte Management diese Punkte durchaus schon erkannt hatte. Aber was ist dem Management eingefallen? Wie innovativ war die Kopie eines in die Tage gekommenen Konzeptes “Jede Woche eine neue Welt”, dass man nun auch für Karstadt ausprobiert und das Millionen verschlungen hatte? Erinnern wir uns an die “Dschungelwochen” mit Leopardenattrappen an den Rolltreppen und Affen- und Urwaldgeräusche, die durch die Räume kreischten. Und wie soll Begeisterung und Lust auf Neues aufkommen, wenn man in den Häusern die gleichen Angebote von den gleichen Filialisten vorgesetzt bekommt, die auch schon in jeder Einkaufstrasse und in jedem Shoppingcenter um die Ecke zu finden sind? Wie kann auch Innovation entstehen, wenn sich die Manager der verschiedenen Handelshäuser gegenseitig die Klinken in die Hände drücken? Da kommt ein Manager von Karstadt nach Kaufhof, da wechselt jemand von Tschibo nach Karstadt usw. Ich befürchte, dass sich das auch nicht mit dem neuem Eigentümer von Karstadt ändern wird. Herr Berggruen hat schon angekündigt, das er sich aus dem operativen Geschäft heraushalten wird und es den "Experten" überlässt. Nichts gegen das Expertentum, aber manchmal braucht es den berühmten Blick über den Tellerrand, um zu Innovationen zu gelangen.
Bonjour Tristesse: Das "filialisierte Standardprogramm" in deutschen Einkaufsstrassen - hier in Hamburg-Ottensen | © greenIMMO
Grüner Wachstumsmarkt
Betrachten wir den grünen Markt, der in der Medienberichterstattung als großes Trendthema besprochen wird. Tatsächlich möchten immer mehr Menschen Produkte und Dienstleistungen in Anspruch nehmen, die weder die Umwelt ruinieren, noch auf Kosten von Anderen produziert werden. Immerhin sind 2007 in Deutschland mit grünen Produkten bereits 30 Milliarden Euro umgesetzt worden. Und: 89%(!) der Konsumenten wollen in den nächsten 12 Monaten mehr grüne Produkte kaufen. Aber von diesen Kaufwilligen sagen über 1/3 aus, dass es kein ausreichendes Angebot an grünen Produkten gibt und sie mit der jetzigen Auswahl nicht zufrieden sind. Noch schwerwiegender erscheint, das fast 1/4 der potentiellen Konsumenten gar nicht weiß, wo sie grüne Produkte finden können, wenn man Biofood mal ausklammert (Quelle: BCG Study/HAVAS MEDIA 2009). Wir wissen aber, dass laut einer Studie der GfK fast 70% der Kaufentscheidungen erst direkt am POS fallen. Also spontan. Aber wo und wie kann ich spontan sein, wenn weit und breit kein grünes Angebot mich umwirbt. Abgesehen von Biofood-Supermärkten, die zumindest in den größeren Städten schon recht gut vertreten sind (laut Pro Naturkost GmbH gibt es in Berlin mittlerweile über 130 Märkte ), ist ansonsten gähnende Leere geboten, was grüne Lifestyle-Produkte betrifft.
„Erfolgsprodukte steigen ab, wenn Firmen an den Trends der Zeit vorbeiproduzieren“, sagt Wolfgang Zankl vom European Brand Institute, das jedes Jahr eine Rangliste der wertvollsten Marken Europas erstellt. Und wie gut läßt sich das leider an Hertie, Karstadt, Quelle, Leffers, Woolworth und Co. auch beweisen. Die (Überlebens-)Chancen für den Handel liegen zukünftig eindeutig im grünen Bereich. Aber um mehr grüne Verbraucher anzuziehen müssen Händler wie Produzenten innovativer werden und ihr Angebot an grünen Produkten erhöhen. Sie müssen dafür sorgen, dass die Produkte nachhaltig hergestellt werden und sexy gestaltet sind. Sie müssen für ein attraktives Einkaufserlebnis sorgen und modern kommunizieren.
Bright Green Retail
Auf worldchanging.com wurde ein interessanter Artikel zum Thema Handelsinnovationen veröffentlicht. Darin schreibt Alex Steffen, dass das Modell der großen Ketten an seine Grenzen stösst. Marktmacht, fragwürdige Beschäftigungspolitik, problematische Produktion und intransparente Beschaffung lassen die Menschen zunehmend skeptischer gegenüber den Großen werden. Auf der anderen Seite entstehen zunehmend neue Handelsideen: Flexible spaces, Webfronts, Microcommerce, Backstories und Dropshops. Steffen dazu: "No single one of these innovations will suddenly reverse the massive damage mega-scale retail is doing to the planet (and our communities), but taken together, they offer the outline of something pretty exciting: a smarter way of connecting to better stuff, with a smaller impact on the planet."
In Deutschland gibt es einige wenige "Einzelkämpfer", die versuchen, ein attraktives grünes Angebot rund um Lifestyle, Fashion, Kosmetik und Accessoires zu schaffen. Dazu gehört sicher der Pionier glore, der mittlerweile in 3 Städten (Nürnberg, München, Hamburg) mit einem Laden vertreten ist, wertvoll und schoener.waers.wenns.schoener.waer in Berlin, das Ludwig 3 in Regensburg oder das MAYGREEN und der fein-store in Hamburg. Allen Läden ist gemeinsam, dass sie aus Einzelinitiativen hervorgegangen sind, die sich wagemutig in das Abenteuer Einzelhandel gestürzt haben.
Schaut man sich International um, bekommen die Dinge andere Dimensionen. Herausragend ist Merci in Paris. Dieser phantastische Concept-Store auf 1500qm verbindet Erlebnis- und Entdeckershopping mit einem attraktiven, sozialen und nachhaltigem Angebot. Ein großer Player, der sich im Gegensatz zu den deutschen Retailern auf den grünen Weg begeben hat, ist Marks&Spencer mit seinem ehrgeizigen Plan A, bis 2015 zum nachhaltigsten Händler der Welt zu werden.
Interessant und außergewöhnlich ist auch der Auftritt von Green Depot in New York, die grüne (leider nur amerikanische) Antwort auf den Boom der Heimwerkermärkte, die sich in Deutschland auf Werbeschlachten um Marktanteile mit austauschbaren Angeboten beschränken. Auch noch zu erwähnen wäre die Outdoor-Marke Nau als die moderne und nachhaltige Antwort auf Jack Wolfskin & Co. Nau setzt auf die richtige Balance aus gutem Style, Funktionalität und Nachhaltigkeit. Dazu gehört ein niedriger Energieverbrauch in der Produktionskette, fairer Handel und ein strenger Code of Conduct, lange Haltbarkeit und maximale Funktionalität. Nau setzt auf zeitlose Farben und verarbeitet neue "Bio"-Stoffe: recyceltes Polyester aus Wasserflaschen, Bio-Baumwolle und PLA (Polylactid Acid) – ein polymerartiger Stoff aus Mais.
Innovative Immobilienwirtschaft
Aber auch die Immobilienwirtschaft ist gehalten, für den grünen Wachstumsmarkt entsprechende Angebote zu unterbreiten. Einmal durch grüne Handelsimmobilien, die umweltgerecht entwickelt werden, aber es müssen auch neue Handelsformate fernab der Konzentration auf sogenannte Ankerkunden, die über 10 Jahre ein Mietvertrag abschliessen, konzipiert werden. Das führt nämlich leider genau zu den öden Einkaufsstrassen, weil sich nur die großen Ketten und Vertikalen über langfristige Mietverträge binden können. Aber auch hier gibt es schon Anbieter, die die Zeichen der Zeit erkannt haben (plane shop oder brandnew stores oder open pop-upshops).
Es wird an den jungen Entrepeneuren, Start-ups und jungen Labels oder an einem mutigen Immobilienentwickler liegen, den großen grünen Markt mit innovativen Ideen zu erobern und die Herzen und die Brieftaschen der grünen Verbraucher zu gewinnen. Sie werden mühsam den Boden bereiten, bis sich hoffentlich ein großes Handels-Tankerschiff bewegen wird (wenn es vorher nicht schon untergegangen ist).
Infos zu futurestrategy:
Stephan Bohle hat mit Pia Betton futurestrategy© gegründet, um Organisationen und Unternehmen zu unterstützen, nachhaltige Innovation als Wachstumschance zu nutzen. Das Beraterangebot umfasst - von der Erstellung von Businessplänen über die Anwendung der Blue Ocean Strategy bis hin zu Zertifizierungsprozessen, Branding- und Marketingstrategien - alle wichtigen unternehmensrelevanten Bereiche, um Geschäftsmodelle auf Nachhaltigkeit aus- oder umzubauen.
Kontakt: Stephan Bohle| s.bohle@futurestrategy.de | www.futurestrategy.de
Abdruck sowie Vervielfältigung nur nach Genehmigung durch den Autor.










