Prof. Werner Sobek
Bauschaffende müssen Position beziehen: Prof. Werner Sobek im Interview
2. März 2010 - Dass sich die Bau- und Immobilienbranche in einer radikalen Umbruchphase befindet, läßt sich durch aktuelle Marktzahlen belegen. Wie sich dieser Prozess verträglich gestalten lässt, dafür gibt es jedoch keine verlässlichen Angaben. Gut sind diejenigen beraten, der sich in der Krise an denen orientiert, die klare Vorstellungen haben und Ziele formulieren. Prof. Werner Sobek, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und international renommierter Bauingenieur und Architekt, ist ein solcher Vordenker. Seine Forderungen an die Branche sind unmissverständlich und sehr weitreichend. Sie betreffen die branchenübergreifende Zusammenarbeit, die Ausbildung von Architekten und die Vergabeordnung. Drei Aspekte, die an den Grundfesten der bisher gekannten Strukturen rütteln.
greenIMMO: Herr Prof. Sobek, das Magazin "Der Spiegel" hat in einer seiner letzten Ausgaben vor der Jahreswende 2009/2010 die abgelaufene Dekade als "ein verlorenes Jahr" bezeichnet, angesichts der vielen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Irrwege und Einbahnstrassen, die zwischen 2000 und 2009 beschritten wurden. Für die Bau- und Immobilienbranche war es ganz und gar kein "verlorenes Jahrzehnt", wie es uns scheint. Im Gegenteil. Das Thema Nachhaltigkeit wurde von der Immobilienbranche in seiner Komplexität erkannt und wird zukünftig in viele Prozessabläufe integriert werden - auch Dank des Engagements der DGNB.
Was jedoch nach wie vor zu fehlen scheint, ist ein kontinuierlich stattfindender, branchenübergreifender Informationsaustausch und besonders eine engere Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten. Nehmen wir als Beispiel die Integration intelligenter Energie- und Wohntechniken in die Konzeption und Gesamtplanung von Wohngebäuden, die wesentliche Unterstützungselemente in der Energie- und Demografiefrage sind. Wie könnte hier ein interdisziplinärer Dialog zwischen Architekten, Planern, den ausführenden Gewerken und der Industrie gefördert werden? Und wie gelingt eine energe konstruktive Zusammenarbeit zwischen den Erwähnten?
Prof. Werner Sobek: Die erforderliche enge Zusammenarbeit zwischen Architekten, Planern, den ausführenden Gewerken und der Industrie setzt voraus, dass die Beteiligten Ziele, Werte, Denk- und Handlungsmuster der jeweils anderen Disziplin kennen und den Willen zur Kooperation im positiven Sinn besitzen. Beides ist jedoch nur selten gegeben. Einerseits steht der Zusammenarbeit ein Mangel an gemeinsamer Basis entgegen. Hier tragen die Hochschulen Schuld, da sie es bis heute versäumt haben, die Ausbildung in den Studiengängen Architektur, Bauingenieurwesen, Heizung-Lüftung-Sanitär, Betriebswirtschaft und andere inhaltlich zumindest soweit zu überlappen, dass die Studierenden hinreichend tiefe Einblicke in die Welt der jeweils anderen Disziplin bekommen. Letzteres ist aber Voraussetzung jedweder substanziellen Zusammenarbeit. Andererseits steht einer engen Zusammenarbeit zwischen Planern und ausführenden Gewerken eine Vergabeordnung gegenüber, die man nur mit Kopfschütteln quittieren kann, denn, erstens: Sie unterbricht typischerweise während der Planungsphase den Informationsfluss zwischen Planung und Ausführung und damit die Chance einer Optimierung des Produkts insgesamt. Und, zweitens: Sie führt ab initio zu einer Konfrontationsposition, nur allzu selten zu einer wirklichen Kooperation zwischen Planung und Ausführung.
Umgehen lassen sich die genannten Probleme nur dadurch, dass wir einen an gemeinsamen Zielvorstellungen festgemachten Dialog zwischen allen Beteiligten beginnen, die Ausbildung geradezu revolutionieren und eine Vergabeordnung entwickeln, die einen Informationsaustausch, eine Zusammenarbeit a priori ermöglicht und die Qualität bei auskömmlichen Honoraren für alle Beteiligten zum Ziel hat. Der Impuls dazu muss aus der Mitte der Bauschaffenden selbst kommen.
greenIMMO: Durch die zunehmende technische Komplexität bei Bauvorhaben sind verstärkt auch fachübergreifende Kenntnisse erforderlich, die bisher kaum gelehrt werden. Der Architekt als Generalist hat damit ausgedient, so scheint es. Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung des Berufsbildes ein?
Prof. Werner Sobek: Die Rolle des Architekten wird kritisiert und angegriffen werden, da die anderen am Bauschaffen Beteiligten von ihm eine Leistung erwarten, die er heute aufgrund der zunehmend gesteigerten Komplexität, und zwar nicht nur im architektonischen oder technischen, sondern auch im juristischen oder wirtschaftlichen Bereich, kaum mehr erfüllen kann. Andererseits funktioniert Bauschaffen nicht ohne die führende Rolle des Architekten. Es geht also darum, ihm diese Rolle zu ermöglichen: Indem man seine Ausbildung inhaltlich deutlich verbessert und um einige Komponenten erweitert. Letzteres wird übrigens auch zu einer Verlängerung der Regelstudienzeit um vielleicht zwei Semester führen. Darin sehe ich jedoch keinerlei Probleme. Ganz im Gegenteil: Unsere Gesellschaft kann ihre Stabilität und ihren Wohlstand nur durch einen Vorsprung an Know-How und Wissen, nicht durch inhaltsarme Schnellabschlüsse nach dem Bachelor-Prinzip bewahren.
Ein Zweites wird hinzukommen: Ich bin davon überzeugt, dass die heutige Kleinheit und die heutigen Organisationsstrukturen unserer Architekturbüros der Zukunft nicht gewachsen sein werden.
greenIMMO: Durch die Symbiose von Ingenieurkunst und architektonischer Gestaltung gelingt es Ihrem Büro, Bauwerke zu realisieren, die über Jahrzehnte hinaus Bestand haben und Maßstäbe setzen. Dies gilt für Form und Funktion, für die Verwendung von Energie, Material und Raum. Führen Sie das auch auf Ihre intensive Beschäftigung mit sogenannten "smart materials" zurück? Welchen Einfluss hat die Entwicklung von "intelligenten" Fassaden, Glas, Farben und Textilien auf Ihre Arbeit?
Prof. Werner Sobek: Das Entwerfen visueller und das Entwerfen nichtvisueller, also beispielsweise taktiler oder akustischer Qualitäten, stehen in unserer Arbeit als gleich wichtig nebeneinander. Das Arbeiten mit unterschiedlichsten tradierten und neuen Werkstoffen hat in diesem Kontext eine hohe Wichtigkeit. Smart materials bieten zuvor nicht gekannte Chancen, beispielsweise im Bereich der Energiegewinnung, oder der Energiespeicherung oder, viel mehr noch, im Bereich der Schaltbarkeit, der Adaptivität von Baustoffen und Bauteilen. An meinem Institut, dem ILEK der Universität Stuttgart, entwickeln wir solche adaptiven Komponenten, beispielsweise schaltbare Verglasungen. In unserer Arbeit setzen wir diese Materialien immer mehr ein, stets aber zusammen mit anderen Werkstoffen wie Textilien, Beton, Naturstein, Holz oder Metallen. Ziel ist dabei immer die Schaffung von Schönheit bei gleichzeitig höchster Funktionalität. Letztere zu erreichen, bedeutet, das Bauschaffen auf eine Innovations- und Qualitätsstufe zu bringen, derer es schon lange bedarf. Daran arbeiten wir.
greenIMMO: Betrachten wir den jetzigen Standard unseres überwiegenden Wohnungsbestandes, sind wir weit entfernt von jeglicher "Intelligenz", die uns hilft, Energie kontrolliert zu ge- und verbrauchen, zwischen Energiegewinnungsarten (z.B. Solar, Windkraft oder Kohlekraft, Kernenergie) zu wählen oder auch mehr Wohnkomfort für ein selbstbestimmtes Leben und Wohnen im Alter zu gewährleisten. Die enorme Herausforderung liegt daher in der zukunftsfähigen Ertüchtigung unseres Wohnbestandes, davon muss man ausgehen. Sind die aktuellen Maßnahmen und Förderprogramme hierfür eigentlich ausreichend? Greifen Sie nicht viel zu kurz?
Prof. Werner Sobek: Die aktuellen Maßnahmen greifen zu kurz. Wir müssen aber sehen, dass das Problem nicht ganz so einfach ist, wie man beim ersten Hinsehen glauben möchte. Die Energieeinsparverordnungen waren ein wichtiger erster Schritt. Da wir aber kein Energieproblem, sondern ein kombiniertes Emissions- und Ressourcenproblem haben, sind differenzierter Ansätze nötig. Zur Erklärung: Die Sonne strahlt ca.10 000 mal mehr Energie auf die Erde ein, als die Menschheit für alle ihre Funktionen benötigt. Sobald es uns also gelingt, gerade einmal 0,1 Promille der auf die Erde eingestrahlten solaren Energie zu nutzen, haben wir kein Energieproblem mehr. Auf dem Weg dorthin gilt es, den Verbrauch der aus fossilen Trägern hergestellten Energie und der damit verbundenen Emissionen schnellstmöglich und drastisch zu reduzieren. Einerseits dämpft man dasmit das Anwachsen des Global Warming. Andererseits führt die Reduktion der Verbrennung von Öl und Kohle dazu, dass uns diese für die Herstellung unverzichtbarer Kunststoffe so essentiell wichtigen Rohstoffe länger erhalten bleiben. Damit und mit der Einführung einer konsequenten Recyclingwirtschaft dämpft man das zweite von mir angesprochene, das Ressourcenproblem.
greenIMMO: Lassen Sie uns einen Blick in die nahe Zukunft werfen, in der sich der überwiegende Teil unserer Bevölkerung jenseits des 60. Lebensjahres befindet und im Regelfall 90 Jahre und älter wird. Dies muss unweigerlich Auswirkungen auf unsere Wohnsituation und die Lebensbedürfnisse haben. Wie könnte/müsste hier die Definition eines Wohnstandards aussehen, damit wir das Phänomen der Überalterung gesellschaftlich und wirtschaftlich verträglich in den Griff bekommen?
Prof. Werner Sobek: Als Wissenschaftler sehe ich keine Chance, dass wir das Problem gesellschaftlich und wirtschaftlich in einer Weise in den Griff bekommen, die einen Fortbestand gegenwärtiger Verhältnisse ermöglicht. Erhebliche soziale Konflikte sind unvermeidbar. Das zeigt schon die einfachste Milchmädchenrechnung: Wenn jeder über 80 ins Altenheim zieht, dann lebt im Jahr 2050 nahezu jeder vierte Erwachsene dort. Schon hieran sieht man, auf welche absurden Entwicklungen wir zusteuern. Bedauerlicherweise definiert die Politik das Problem nach wie vor als nicht existent nach dem Motto "Die Renten sind sicher". Das Problem muss also endlich aus der Mitte der Gesellschaft heraus angegangen werden.
Das Bauschaffen kann das angesprochene Strukturproblem nicht lösen. Die Form, in der ältere Menschen zukünftig ihr Leben gestalten werden, bedarf eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses. Wenn wir die Älteren zukünftig nicht mehr durch Umzug ins Altenheim aus der Gesellschaft ausgliedern, sondern sie in der Mitte des täglichen Lebens behalten wollen, dann wird dies auch bauliche Maßnahmen von signifikantem Umfang erfordern. Der dabei sicherzustellende Wohnstandard muss auf die Lebensbedürfnisse älterer Menschen abgestimmt sein und neue Formen des Zusammenlebens von jung und alt ermöglichen. Da sich diese veränderten Formen eines Zusammenlebens erst noch entwickeln werden, müssen Flexibilität in der Nutzung und in der Funktionalität eines Gebäudes die entscheidenden Merkmale, der entscheidende Standard sein.
greenIMMO: Wie läßt sich diese Definition auf den bestehenden Wohnimmobilienbestand übertragen bzw. ausweiten? Geht das überhaupt?
Prof. Werner Sobek: Kaum.
greenIMMO: In wie weit kann die Bau- und Immobilienbranche diese beinahe schon gesellschaftlichpolitische Funktion im Bereich der Wohnimmobilien überhaupt erfüllen? Wird die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hierbei eine Vermittlerrolle spielen zwischen Wirtschaft und Politik?
Prof. Werner Sobek: Wie schon gesagt: Das Bauschaffen kann das angesprochene Strukturproblem nicht lösen. Es kann zum notwendigen Diskurs beitragen und es wird dort eine wichtige Rolle spielen, nicht zuletzt deshalb, weil es zumindest die architektonische Dimension dieser Zukunft bereitstellen, schaffen muss.
Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, die eine der größten branchen- und disziplinenübergreifenden gesellschaftlichen Initiativen der vergangenen Jahrzehnte darstellt, diskutiert in ihren Kreisen die genannten Probleme sehr intensiv, denn schließlich werden sie das nachhaltige Bauen in der Zukunft deutlich prägen. Die DGNB, eine Non-Profit- und Non-Governmental Organisation, sieht es als eine ihre wichtigen Aufgaben an, Wege zu weisen. Die DGNB wirkt als Katalysator; eine Vermittlerrolle zwischen Wirtschaft und Politik kann sie allerdings nicht wahrnehmen, dies ist nicht ihre Zielsetzung und würde sie überfordern.
greenIMMO: Wie sehen Sie die Bau- und Immobilienbranche im Kontext von nachhaltigem Wirtschaften, wozu sich auch die neue Regierung bekannt hat. Kann sie hierbei eine Vorreiterrolle übernehmen und andere Branchen darin bestärken, es ihr gleich zu tun?
Prof. Werner Sobek: Die schiere Größe der vom Bauwesen zu beantwortenden Parameter - nämlich ca. 35 % des Energieverbrauchs, 35 % der Emissionen, 50 % des Ressourcenverbrauchs und mehr als 50 % des Massenmüllaufkommens - macht deutlich, wie groß die gesellschaftliche Verantwortung aller am Bauschaffen und am Betreiben unserer Gebäude Verantwortlichen ist. Das Bauwesen muss endlich vorangehen, muss Position beziehen, muss beispielhaft agieren. Es geht dabei nicht nur um Energieeinsparung im Betrieb, es geht auch um Energieeinsparung in der Herstellung und Montage, um Ressourceneinsparung, Recycling, etc., d.h. es geht um die gesamte Palette der ökologischen, der ökonomischen und der sozio-kulturellen Fragen.
Die DGNB besitzt eine weltweit anerkannte Spitzenposition in der Erarbeitung der Grundlagen für und im Wissen um ein derartiges Bauen. Auf dieses Wissen kann man bauen - und immer mehr tun dies. Ein sehr großer Teil der Bau- und Immobilienbranche nimmt ihre Verantwortung an, hat aber auch seine ökonomische Chance erkannt. Natürlich gibt es immer noch die Gestrigen, die im nachhaltigen Bauen das Profitstreben Einzelner vermuten wollen oder die die Befriedigung ihrer Partikularinteressen vor das Wohl der Sache und damit vor das Wohl der Gesellschaft und der Umwelt stellen. Hierdurch entsteht Schaden für alle und - es behindert unser Land in der Wahrung einer weltweiten Spitzenposition in einem industriellen Bereich, aus dem wir unsere soziale Stabilität für morgen schöpfen können.
greenIMMO: Zum Abschluss möchten wir Ihnen eine persönliche Frage stellen. Als Architekt und Ingenieur hat man immer einen Traum oder eine Vision von einer Sache, die man unbedingt realisieren möchte, unabhängig von allen äußeren Einflüssen. Wie sieht Ihre Vision bzw. Ihr Traum aus? Möchten Sie ihn uns verraten.
Prof. Werner Sobek: Lieber nicht.
greenIMMO: Herr Prof. Sobek, wir danken Ihnen sehr herzlich für das Gespräch.