Green Essays
Beispielmodell für ein Smart MeterZukunftsmarkt des 21. Jahrhunderts: Das intelligente Stromnetz
Text: Dagmar Hotze
6. Januar 2010 - Seit Jahren sprechen die Fachleute vom "schlauen Haus", auch Smart Home genannt, und seinen Vorzügen. Es bietet Komfort, verbraucht weniger Energie, ermöglicht die raumüber-
greifende Steuerung von Medien und erlaubt einen Sicherheitsstan-
dard ähnlich dem von Fort Knox. Gebetsmühlenartig wiederholen sie die Vorteile, mit nur mässigem Erfolg. Das "schlaue Haus" bleibt ein vorurteilsbehaftet-unbekanntes Etwas. Nun haben die großen Großkonzerne (Siemens, IBM, Cisco und General Electrics) das Potenzial des "intelligenten Stromnetzes " (Smart Grid) entdeckt. Und damit wird vieles anders - auch für das "schlaue Haus".
Der Hintergrund für das Engagement der Global Player ist der enorme Markt, den die weltweit maroden Stromnetze durch ihre Modernisierung bieten. Sollen die Netze zukünftig für die vielfältigen Energiegewinnungsarten (Windkraft, Solar und Wasserkraft) gerüstet sein, müssen sie erneuert werden. Experten sprechen von einem Investitionsvolumen von 349 Milliarden Euro in Europa. Auch der individuelle Bezug von Strom verlangt nach neuen Fließmöglichkeiten. Wenn jeder Haushalt eines Tages individuell entscheiden soll, wann er welche Stromgewinnungsart bezieht, ist dazu ein dezentrales, flexibles Netz notwendig, das anbieterunabhängig funktioniert. Dem Verbraucher ist es dann überlassen, welchen Strom er zu welchem Preis bezieht. Allerdings sind dazu noch erhebliche technische und politische Anstrengungen erforderlich.
Chancen für das "schlaue Haus"
Kehren wir zurück zu unserem immer noch "unschlauen Haus". Durch die suksessive Einführung sogenannter Smart Meter (digitaler, intelligenter Stromzähler) ab diesem Jahr bei Neubauten und Modernisierungen, wird - völlig nebenbei - der Grundstein gelegt für "intelligente" Häuser und Wohnungen, deren Bewohner zunächst "nur" in der Lage sein werden, ihren Energieverbrauch internetbasiert und stets aktuell abzufragen. Schlagartig wird transparent, wieviel der dauerhaft im Stand-by befindliche Flachbild-
fernseher, die Waschmaschine oder das heisse Wasser für die morgendliche Dusche kosten. Über den erzieherischen Lerneffekt zum bewussten Verbrauch von Strom braucht man sich nicht zu unterhalten. Geht's ums Geld, wird er sich schnell einstellen. Wer diesen Komfort mit spürbarem Erfolg im Portemonnaie genießt, will mehr. Die Frage wird kommen, was sich noch alles zum eigenen Vorteil steuern läßt. Das Licht, die Heizung, der Geschirrspüler? Die technologischen Mittel sind längst vorhanden - auch und vor allen Dingen, um bestehende Wohnungen nachzurüsten. Hierin liegt eine enorme Marktchance für das Elektrohandwerk. Spekulieren wir etwas: In absehbarer Zeit wird jede Wohnung einen IQ haben, an dem ihre technologische Funktionlität messbar ist, zusätzlich zu ihrem energetischen Verbrauch - und sich vergleichen läßt. Zukunftsfähig sein oder nicht sein, ist dann die marktentscheidende Frage. Zukunftsszenario?
Nein, keineswegs, sondern bittere Notwendigkeit. Wer beobachtet, welche Quanten-
sprünge das Gesundheitssystem in Folge des demografischen Wandels in den kom-
menden Jahren machen wird, der weiss, dass die Wohnung als "3. Gesundheitsstand-
ort" kein utopisches Hirngespinst ist. Sind die vier Wände mit internetbasierter "Intelligenz" versehen, steht einem relativ komfortablen, weitestgehend selbständigen Leben bis ins hohe Alter wenig im Weg. Denn durch die Internetanbindung der Wohnung an das "intelligente Stromnetz" werden auch andere Services denkbar, seien es medizinische, pflegerische oder im Bereich von anderen Dienstleistungen. In Großstädten mit flächendeckendem Zugang zum Internet wäre dies bereits jetzt
möglich. Aber erst der Umgang mit dem "intelligenten Stromzähler" macht bewusst, welchen "intelligenten" Wohnkomfort das World Wide Web möglich macht.
"Intelligente" Technologien dienstbar machen
In 20 Jahren werden wir uns erinnern. An damals, als das "intelligente Stromnetz" unsere Wohnung "schlau" gemacht hat und wir erleben konnten, dass "intelligente" Technologien unseren Alltag komfortabler gestalteten. Die Zukunft, die das ermöglich, hat längst begonnen - spätestens mit diesem Jahr.
Von der EXPO 2000 zur EXPO 2010 - Das Jahrzehnt der "guten Vorsätze"?
Text: Dagmar Hotze | Fotos: EXPO 2000 Hannover, EXPO 2010 Shanghai
17. Dezember 2009 - Wer erinnert sich noch an das "Jahr-2000-Problem", besser bekannt unter "Millennium-Bug" oder "Y2K"? So wurde das Computer-Angstszenario betitelt, das Ende 1999 auch die deutsche Welt in Atem hielt. Wochenlang herrschte Untersicherheit darüber, was passiert, wenn bei der Softwareaktualisierung aus der vierstelligen Jahreszahl 2000 das 19. Jahrhundert werden würde. Funktionieren dann die Bankautomaten noch, müssen wir alle einen neuen Rechner kaufen oder stürzt gar die Welt in eine Krise? Nichts von dem ist geschehen bzw. war notwendig - zumindest nicht im Jahr 2000. Neben der Computer-Hysterie gab es aber auch noch Wegweisen-des. Das Jahr 2000 stand im Zeichen der EXPO 2000, jener Weltausstellung neuen Typs, die sich mit den Fragen der Zukunft (Mensch - Natur - Technik), mit denen es die Menschheit im 21. Jahrhundert zu tun haben wird, beschäftigte. Ob sich daran genauso viele erinnern, wie an den "Millennium-Bug"? Stichworte wie "Nachhaltigkeit" und "Ökologie" fanden ihren Weg in die Öffentlichkeit, wobei diese sich mehr für das Gerangel um schwarze und rote Zahlen und Steuergelder interessierte. EXPO 2000 - kostet doch bloß Geld! Das Ideenforum mit seinen Lösungsansätzen für die drängen-
den sozialen, ökonomischen und ökologischen Problemen hatte kaum eine Chance. Wie bedeutsam, ja geradezu prophetisch die Themen der EXPO waren, ahnte niemand bzw. wollte niemand ahnen. Nur zehn Jahre später wissen wir, dass nachhaltiges Wirtschaften, Konsumieren, Bauen und Wohnen die einzigen Möglichkeiten sind, um uns am eigenen Schopf aus dem "klimatischen Schlamassel" herauszuziehen - wenn überhaupt.
"Nur" zehn Jahre später? Bei dem, was innerhalb dieser Dekade passiert ist und welchen fatalen Irrtümern wir aufgesessen sind, könnten es auch zwanzig oder gar dreißig Jahre gewesen sein. Wie gelingt es, diese Jahre der "guten Vorsätze", die mit der EXPO 2000 begonnen hat, die aber im Rückblick als vertane Zeit erscheinen, aufzuholen? Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat dazu am 20. Oktober 2009 ein Leitbild (Empfehlung RNE Nr. 29, Konsum und Nachhaltigkeit) formuliert. Demnach ist "das Leitbild für nachhaltiges Wirtschaften, Produktion und Konsum die Ressourcenneu-
tralität in sozialer Gerechtigkeit. Unsere Produktions- und Konsummuster sind erst dann weltweit übertragbar und im umfassenden Sinne ökologisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich nachhaltig, wenn wir de Natur nicht mehr Rohstoffe entnehmen, als nachwachsen können". Soviel zum Grundsätzlichen. Nun zum rechnerischen Teil der Frage, die der RNE wie folgt löst: "Momentan werden pro Kopf in Deutschland im Durchschnitt 10,6 Tonnen CO² emittiert. Verteilt man die bis zum Erreichen der 2° Celsius-Schwelle rechnerisch noch möglichen Treibhausgas-Emission auf alle Menschen (ein gleiches Emissionsrecht pro-Kopf der Weltbevölkerung angenommen) ergibt sich ein Emissionsrecht von jährlich 2 Tonnen CO² pro Kopf. Dies ist nur scheinbar ein weit entferntes, fast illusorisches Ziel". An dieser Stelle wollen wir nicht über Rechenmodell des Emissionshandels streiten. Viel wesentlicher ist die nachfolgende Feststellung: "Tatsache ist, dass in den industrialisierten Staaten schon heute ein CO²-armer Lebensstil möglich ist, mit modernen Techniken zur Wärmedämmung, energie-
effizienter Mobilität, der Nutzung von erneuerbaren Energien, aber auch durch einen bewussten Konsum. Viele Menschen kommen heute schon einem klimagerechten Lebensstil nahe, ohne sich dessen bewusst zu sein. Wer heute eine Wohnung in einem gut gedämmten Haus mit moderner Warmwasserbereitung bewohnt, sich nur ab und zu oder nie alleine Auto fährt und sich vorwiegend von pflanzlichen Lebensmitteln ernährt, konsumiert klimafreundlicher als der Durchschnitt". Und spart dabei auch noch Geld, muss man hinzufügen.
Also doch keine vertane Zeit?
Was bedeutet dieser unbewusste, "klimagerechte" Lebensstil für die Angehörigen der Bau- und Immobilienbranche? Besonders für diejenigen unter ihnen, die vor zehn Jahren während der EXPO 2000 die damals noch weithin unbekannte Art und Weise des nachhaltigen Bauens vorstellten? Bei genauer Betrachtung haben sie durchaus etwas erreicht, gerade in den letzten Jahren. Zunehmend etablieren sich verbindliche
ökologische Standards, Normen der zeitgemässen Bedürfnissen angepasst und intelligente Technologien finden Anwendung in der Haus-, Energie- und Umwelttechnik. Handwerker, Architekten, die Immobilienwirtschaft und die Bauzulieferindustrie kommen miteinander ins Gespräch - langsam aber stetig. Auch die Wünsche der Auftraggeber werden komplexer, die Nachfragen kritischer. Es ist sicherlich noch ein langer Weg, bis ganzheitliche Planungsprozesse in den normalen Ablauf integriert werden. Aber für die Bau- und Immobilienbranche war es mehr als ein Jahrzehnt der "guten Vorsätze". Vielmehr wurden wegweisende Grundsätze definiert (wie z.B. das Gütesiegel der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen) und zur Umsetzung gebracht. Die Angehörigen der genannten Branchen können sich alle darauf einstellen, dass ihre Auftraggeber in den nächsten zehn Jahren zwar immer noch mit "guten Vorsätzen" an sie herantreten, aber auch mit dem konkret gewachsenen Bedürfnis nach Sicherheit, Komfort und Flexibilität. Und wer hat nicht gerne Kunden, die genau wissen, was sie wollen.
Übrigens, die EXPO 2010 findet in Shanghai statt. Unter dem Motto "Better City, Better Life" soll der Wunsch der Menschheit nach einem besseren Leben in den Städten der Zukunft aufgegriffen und Konzepte zur nachhaltigen Stadtentwicklung vorgestellt werden. Bleibt es bei dem 10-Jahres-Intervall, können wir uns also ab 2020 auf ein besseres Leben in den Städten freuen. Oder aber, den Stadtplanern und Architekten fällt früher etwas ein. Warten wir es ab.
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