N = A + W
N = A + W
Autor: Diplom-Ingenieur Reinhard Münster
1. Juli 2010 - Der Versuch einer Definition: Nachhaltigkeit = Angemessenheit + Weiterdenken. Im Grundsatz also nichts neues. Die Jahrtausende alten Strassen Roms sind, huch, schon wieder so ein humanistischer Plunder, ein gutes Beispiel dafür. Denn die Aufgabe wurde seinerzeit so gelöst, dass der Nutzen der investierten Arbeit möglichst lange vorgehalten werden konnte. Mit anderen Worten: Das angestrebte Ergebnis der Arbeit war ein weit über die Lebenszeit der Auftraggeber und Ausführenden hinaus weisender Vorteil. Nimmt man diesen Gedanken als einen akzeptabelen Kern nachhaltigen Handelns, ist der Anspruch, im eigenen Handeln Nachhaltigkeit zu erreichen, nicht nur eine Aufgabe im Zusammenhang mit der Entwicklung von Immobilien und, ach, na ja, Architektur.
Tatsächlich lässt sich das Wort Nachhaltigkeit als Schlagwort wunderbar und in einer erstaunlichen thematischen Breite missbrauchen, um tüchtig Geschäfte zu machen. Dabei geben gerade alte Adels- und Kaufmannsdynastien, nein, nicht "bäh!", ein gutes Beispiel dafür, was nachhaltiges Denken und Wirtschaften in der Praxis ist. Während viele Selbstdarsteller, Geiz-ist-geil-Anhänger, Auf-der-Autobahn-aussen-links-wie-aussen-rechts-Überholer, Leistungs- und Qualitätsverramscher längst vergessen haben, was ihre Gross- und Urgrosseltern noch wussten, dass nämlich stets auf ein neues zu erwerben sei, was man ererbt hat, ist es für die Nachfahren der einstigen Oligarchen immer noch eine Selbstverständlichkeit, das Erreichte durch Substanzerhalt abzusichern und nicht unbedacht, einfach einer Laune folgend, Überkommenes durch Neues zu ersetzen. Hierbei kommt das Wissen zum Tragen, dass die in dem Erlangten geborgene Arbeit einen Vermögenswert darstellt, welchen man zwar schnell verlieren, jedoch nur mühsam wiedererlangen kann. Wirtschaftliches und menschliches Basiswissen. Wenn man so will: Von nix kommt nix und wer den frühen Wurm nicht ehrt, dem steht die Karbonade am Abend auch nicht zu.
"Ikonen für morgen" und "Sachwerte mit Balkon"
Konsequent also, dass die jungen Männer der zitierten Kreise einst erst beim Nachbarn dienen oder nach Übersee mussten, ehe sie das heimische Geschäft übernehmen durften. Freilich ist das eine Vorgehensweise aus vorindustrieller Zeit und heute in den Augen vieler ziemlich altbaksch, weil so völlig unnötig jeglichen Reproduktionsaufwand wägend. Schliesslich leben wir in der fertigungs- wie marketingtechnisch hochtourigen Gegenwart von Apple & Co. - und so täuschen wir uns munter mit pseudorevolutionären, in jedem Fall vorwärts drängenden Phrasen über unsere mangelhafte Erdung hinweg. Bedenklich sind in diesem Sinne nicht zuletzt auch die Gesten und Posen, Grundsatzerklärungen und Abgrenzungsversuche vieler Kollegen, von ökologisch ambitionierten Baugruppenbetreuern und bauträgerseitigen Architekten- und Architekturbeiseiteschubsern. Ihre Schlagworte, Auslassungen und Überliefertes gern herabsetzenden Kommentare verlachen nicht ohne Berechnung die Altvorderen, denn ja, diese sind lästig, wenn auch oft nur unbewusst lästig, nämlich als störrende Brechung der zur Überhöhung neigenden Selbstwahrnehmung, derweil man nebenbei die gleichaltrige Konkurrenz, auch sie wäre man bisweilen gerne los, auszustechen versucht. Die Kunden mit moralisierenden Argumenten oder nicht immer ganz korrekten Vorteilsversprechen vom Wesentlichen abzulenken, gehört in diesem Zusammenhang wie das sprichwörtliche Klappern zum Geschäft. Von "Ikonen für morgen" über "Sachwerte mit Balkon" bis hin zur Einführung in die "Politische Dimension" - Architekten, Projektentwickler und Bauträger lieben es vollmundig und tirilieren mit derartigen Worthülsen doch nur über fehlende Qualitäten oder auch nur Regenrohre hinweg. Die Regenrinnen und die Standrohre bis 1,50 Meter über Oberkante Gelände sind - man lese stets das Kleingedruckte - natürlich inklusive.
Frech und farblos als "Reihenhaus im Bauhausstil"
Die Bau- oder Bauunkultur, für die selbstredend wir alle verantwortlich zeichnen, lässt sich an Tagen der Architektur, wie just am vergangenen Wochenende, gleichwohl nur schwer - egal wie schön, begeisternd, nützlich und durchdacht viele Einzelobjekte sind - repräsentativ erfassen. Tatsächlich beherrscht kurzlebiger Hokuspokus das Alltagsgeschehen. Weisse Kunststoff-, Holz- oder Betonsäulen vor den Hauseingängen von Energiesparhäusern, welche gern auch an der norddeutschen Ostseeküste im "Toscanastil" mit gelben Plastikfassaden und grün glänzenden Dachziegeln auftrumpfen. 150 Quadratmeter Bruttogeschossfläche auf nicht einmal 180 Quadratmeter grossen Handtuchgrundstücken, die sich frech und farblos als "Reihenhaus im Bauhausstil" ausgeben. Strickfassaden - eine Reihe Fenster nach links, eine Reihe Fenster nach rechts - bei den Damen und Herren Kollegen. Ja mei, das ist Firlefanz, sonst nichts. Nichts, worüber zu sprechen wirklich lohnt. Wie etwa die Frage, wie man ein Haus oder eine Wohnung betritt, wieviel Atem einem dabei bleibt und wie man ein paar Schritte weiter wieder heraussieht. Was unterscheidet zum Beispiel die Begrüssung eines willkommenen Gastes in einem nur minimal geräumigeren Entré von der nur noch ungelenk zu nennenden Konfrontation auf einer zugunsten der Individualräume bedenkenlos zusammengeknautschten Flur-Funktionsfläche, deren Entwurfsverfasser man nicht ohne Mitgefühl als von den Notwohnungen der letzten Nachkriegszeit geprägt annehmen möchte, was immerhin ein Alter von über 55 Jahren voraussetzt? Vielleicht so etwas wie Grosszügigkeit? Eine Grosszügigkeit, die uns inwändig fehlt und die wir uns folglich auch baulich so oft versagen, denn merke, Grösse hat nicht allein mit der bloss äusseren Dimension einer Gesamterscheinung zu tun.
Normen, Zertifikate, Zuchtmeister und Geldabschneider
Kann es also sein, dass ein zeitloseres wiewohl differenzierteres Raumprogramm, das nicht von einem geizigen Minimalismus, getarnt hinter gestalterischen Dominanzgesten, bestimmt wird, am Ende nachhaltiger und auch lebensfreundlicher ist als jeder Solarkollektor auf dem Dach und das dickste Dämmpaket zwischen Innenwelt und Aussenraum? Kann es sein, dass uns die Masstäbe für Qualität abhanden gekommen sind, und sei es, weil jene, die sie zuerst anwendeten, nicht unseren heutigen politischen, sozialen und ethischen Selbstverpflichtungen entsprechen? Und kann es fernerhin sein, dass uns hier letztendlich auch keine neuen Normen, Zertifikate, Zuchtmeister und Geldabschneider nützen? Kann es sein, dass wir vielmehr unser getriebenes Denken besänftigen oder vielmehr entschleunigen sollten und ohne Sentimentalität, Neid oder Furcht sowohl zurück- als auch vorausblicken, was denn das Leben für uns Menschen auf Erden wirklich lebenswert macht? Vielleicht hilft uns ja in diesem Zusammenhang die zum Nachdenken anregende Einsicht weiter, dass - frei nach Sebastian Horsley - die wirklich Starken eigentlich nie laut, brutal und rücksichtslos sind ...
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