High Tech oder Low Tech?
High Tech oder Low Tech? - Verantwortung und Ökonomie konkret
Teil 3
Text: Diplom-Ingenieur Reinhard Münster
1. Februar 2010 - Aus den Geschichtsbüchern kennen wir die Daten vieler vermeintlich wichtiger Ereignisse. Geradezu lähmend - auch für manche Schullaufbahn - ist die Folge bedeutender Geburtstage, Hochzeiten, Schlachten und Naturkatastrophen. Schon sehr viel seltener aufgenommen werden in diese Boulevardperspektive bedeutende Erfindungen und Entdeckungen. Nahezu ausgeschwiegen wrden jene Schlüssel-
momente, in denen über Sinn oder Unsinn zukünftiger Entwicklungen entschieden wird.
Es war ein deutlich ergrauter Berufskollege, der in gelegentlichen Veröffentlichungen ebenso gelassen wie entschieden die Auffassung vertrat, dass die wirklich grossen Ereignisse just in den Wahrnehmungspausen zwischen den öffentlichkeitswirksamen Wendemarken liegen. Nicht der Moment der Namhaftwerdung einer Erfindung, eines neuen Architekturstiles oder gar einer Kriegsabsicht sei bedenkenswert, sondern vor allem jene gesellschaftliche Stimmung, die einem Aufbruch zu neuen Taten, seien es geisteswissenschaftliche, kaufmännische, technische, künstlerische oder politische, vorangehen. Das Milieu bestimmt die Geschichte und die Geschichte wiederum das Milieu. Wenn man so will, steht Gott darüber und reibt sich die Hände. Hier nun ein paar typologische Muster, die unmittelbar unser aller Sicherheit und Wohlbefinden betreffen, der Verdeutlichung halber die dunkleren vorweg:
Wie gut, wenn es da Sonderlinge gibt
Kriege und ethnische Verfolgungen etwa beginnen nicht erst, wenn charismatische Schreihälse dazu aufrufen, sondern viel wahrscheinlicher bereits einen Krieg früher und in der Zwischenkriegszeit, wenn sich beispielsweise ein Generalstab wider besseren Wissens eine untaugliche Strategie aufdrängen lässt, annehmend, die politische Führung werde hierfür im Zweifelsfall einstehen. Was im Zweifelsfall natürlich nicht passiert, so dass nicht nur die Generäle die Schmach ihres Selbstbetruges zu schultern haben, sondern ebenso viele Zivilisten, die in falscher Erwartung nun wertlose Kriegsanleihen zeichneten und sich plötzlich - eidibipsch! - vor die Frage gestellt sehen, wie vor der Welt die eigene Dummheit und Verantwortungslosigkeit erklären. Wie gut, wenn es da Sonderlinge (die Menschen haben allüberall noch immer welche gefunden ...) gibt, angesichts derer man sich erneut in Rage reden kann, denn irgendwo muss man mit seinem verletzten Hochmut schliesslich bleiben. Wie gut also, wenn man da auf andere verweisen kann, dass sie schon immer den Lauf der Dinge behindert haben, und dass beim nächsten Mal, ja, beim nächsten Mal damit ein für allemal Schluss sein muss. Allein, was macht zuvor Generäle so schwach, in einem Krieg wider besseren Wissens untaugliche Strategien zu verfolgen, was stimmt Regierende hoffnungsvoll, in einem Krieg mehr als in einer zivilen Auseinandersetzung zu gewinnen, und wieso können Zivilisten glauben, bei der Spekulation auf den Erfolgsfall eines Krieges oder eines Progroms gänzlich ohne nahe Opfer davonzukommen?
Schlacht bei Waterloo, 1815, Maler unbekanntWer hierüber nüchtern nachdenkt, wird unschwer begreifen, dass Kriege tatsächlich so gut wie nie in offenen Feldschlachten begonnen und entschieden werden, auch nicht in den hormonschwangeren Einschwörungsritualen im Vorfeld jeder Eskalation, sondern - leider, leider - in vermeintlich weitaus friedlicheren Zeiten. Da genügt es zunächst einmal, wenn ein einzelner - ohne Aussicht auf Genugtuung - vor anderen, und sei er auch dem Alter nach erwachsen, sein Gesicht verliert, wenn ein Kind von seinen Eltern überhöht oder zurückgesetzt wird, was so oder so einen ungesunden Ehrgeiz weckt, zumindest aber Neid, oder wenn die Führungskräfte eines niedergehenden Wirtschafts- oder Handelszweiges glauben, mit kollektiven, also in jedem Fall anderen als nur eigenen Mitteln, den Wettbewerb mit der Konkurrenz für sich entscheiden und damit die eigene Schande abwenden zu können. Wenn also auch die bereits versagt und sich von der Zukunft abgewendet haben. Weshalb stets zu bedenken ist, dass bereits jede Art von Protektionismus in der Logik seiner Abteilung die Möglichkeit zum Kriege enthält, indem wir "wir" sagen und uns von anderen abzugrenzen versuchen, weil wir doch die ach so verkannten Besseren sind ...
Den Teufel mit dem Belzebub austreiben
Krieg ist freilich nur ein Bespiel für die Vielschichtigkeit menschlicher Selbstsucht und -täuschung, denn auch anhand der Eigenschaften nachhaltigen zivilen Handelns lassen sich entsprechende Denk- und Handlungsmuster erkennen. Wenn sich nämlich eine Gesellschaft entschliesst, einerseits menschliche Arbeit mit Steuern und Abgaben zu belasten und andererseits Energie zu subventionieren; wenn sich dieselbe Gesellschaft im Laufe der Zeit mehr und mehr an die Verschwendung von Energie gewöhnt, auch im privaten Bereich, während sie zugleich menschliche Arbeit zunehmend durch Maschinen, Computer und Roboter ersetzt; wenn sich eine solche Gesellschaft, unsere, in energiepolitischen Krisenzeiten dazu durchringt, Energie zu sparen; sodann der erste Schritt angesichts der plötzlichen Einsicht, dass fossile Brennstoffe nicht ewig zur Verfügung stehen werden, der ist, just auf Ölbasis mit der Dämmung von Häusern zu beginnen, denn was ist Schaumstoff anderes als gekochtes Öl und was ist das Fassadendämmen anderes als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für einen vor Überkapazitäten strotzenden Industriezweig (wir sehen uns in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts und erleben schon bald die erste Sozialdemokratisierung der Christdemokratie); wenn in der Krise also der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben wird, zunächst einmal, statt nüchtern und seriös über die Entwicklung des Pro-Kopf-Energie-Verbrauchs sowohl gesamtgesellschaftlich als auch individuell anhand allgemein zugänglicher statistischer Daten über einen Zeitraum von, sagen wir mal, hundert Jahren nachzudenken (oh ja, natürlich, Konsequenzen aus solch einer Betrachtung können in der Tat jeden treffen und sind nichts fürs Wahlvolk); wenn solch eine Gesellschaft es sich also immer noch nicht nehmen lässt, heute, allein erziehende wie auch verehelichte Mütter ihre Kinder in hochbordigen Geländewagen zum Kindergarten, zur Schule, zum Ballett oder Reiten kutschieren zu lassen - ach, das Sicherheitsgefühl, man fühlt sich einfach geschützter! (wovor? vor wem?) -, derweil anderen die Alimentierung bestritten wird - die haben doch selbst Schuld, wer will, findet auch Arbeit, wozu diese Unsummen öffentlicher Zuwendungen! -; wenn in solch einer Gesellschaft also plötzlich (wir sind endgültig im Hier und Jetzt angekommen) die Panik ausbricht - die Wälder verdorren, die Wasser steigen, die Afrikaner schwimmen bereits durchs Mittelmeer, selbst die Kleinen zeichnen das jetzt schon im Kindergarten, erst neulich wieder, einfach schockierend! - ja, dann hat diese Gesellschaft - bei 25° Celsius und T-Shirt-bekleidet im winterlich weiss umflockten Wohnzimmer - immer noch nicht genug gelernt.
Das ist das Haus ... Bauen kinderleicht gemacht.Es ist immer jeder Einzelne gefragt
Sprechen wir also vom Häuserbauen und Hausbewohnen: Mit Häusern, guten wie schlechten, schweren wie leichten, alten wie neuen, kann man Geld verdienen. Mit Häusern, guten wie schlechten, schweren wie leichten, alten wie neuen, kann jeder sein Gewicht in die Waagschale werfen. Es sind die Handlungen und Entscheidungen in allerenfachsten Alltags-
situtationen, die - in der Summe - den Lauf der Dinge entscheiden. Was das Beispiel mit den Generälen und den törichten Zivilisten zeigen sollte, war, dass man sich nicht rausreden kann. Auch wenn Politiker und Wirtschaftsverbände enttäuschen und grosse Kongresse, wie gerade eben in Kopenhagen, in Kläglichkeit enden, ist immer noch jeder Einzelne gefragt. Er kann links herum gehen, rechts herum gehen, geradeaus und rückwärts oder stehen bleiben. Er kann auch zu Laufen anfangen. Sack über den Kopf, geht auch.
Nehmen wir als ganz konkretes Beispiel eine Bestandsimmobilie im sogenannten Speckgürtel Hamburgs, um zu sehen, wie schwierig das mit den guten Vorsätzen selbst im Kleinen ist. Die Eigentümer denken ökonomisch und ökologisch nachhaltig, ein erstes Gutachten mit energetischen Kennwerten und einzelnen Massnahmenem-
pfehlungen liegt vor. Das Haus, Wohnfläche cirka 120 Quadratmeter, macht einen properen Eindruck. Hier leben Menschen, die es sich bei aller Bescheidenheit gut gehen lassen. Man muss ihnen nichts neiden und sie erscheinen auch selbst nicht neidisch. Die Baustubstanz aus den gestalterisch und ausführungstechnisch besseren späten sechziger Jahren wirkt angenehm gepflegt. Keine Übertreibungen, keine Vernachläs-
sigungen. Südseitig eine grosse Terasse, darüber ein Balkon mit schönen Original-
geländern. Zum Nachbarn hin eine Mauer, die aus dem Haus unauffällig herauswächst. Das Dach wurde im Rahmen seines Ausbaues bereits vor Jahren erkennbar über Standard gedämmt. Die Heizungsanlage besteht aus einem Brennwertkessel und einem Netz aus Umluftheizkörpern. Aktueller Anlass, sich beraten sich zu lassen, sind Zugerscheinungen im Wohnzimmer. Grundfläche geschätzt 6 x 4 Meter, Raumhöhe etwas über 2,50 Meter. Nach Süden zur Terrasse hin ein Fenster mit Zweifachver-
glasung und einer Abmessung von knapp 4 x 1,80 Metern. Darunter ein Radiator, 4 Meter breit, 0,40 Meter hoch und 0,40 Meter tief, abgedeckt von einer weit auskragenden Fensterbank. Es muss ziehen. Jeder Mensch, der in Physik aufgepasst hat, kann sich die winterliche Luftwalze im Raum vorstellen.
Eine Rechnung, die nicht aufgeht!
Das Gutachten empfiehlt in drei Abstufungen unterschiedlich weitreichende Aktivitäten. Auf die beiden Hauptvarianten reduziert und diese etwas weiter gedacht, ergibt sich folgendes Bild: Abschliessende Komplettdämmung des gesamten Hauses einschließlich neuer Fenster, Abbruch und Ersatz des Balkons sowie der Gartentrennwand, jedoch ohne Veränderung der Gas-Heizungsanlage für cirma 35.000 Euro oder mit gering-
fügiger Veränderung der Heizungsanlage (neuer Kessel, Nachisolierung noch unge-
dämmter Leitungsstränge) für circa 40.000 Euro. Ohne Änderung der Heizungsanlage und bei einer Laufzeit von 30 Jahren liegen die erwarteten jährlichen Energiekosten zukünftig statt bei 1.450 Euro bei nunmehr 750 Euro = 52 Prozent, mit Änderung der Heizungsanlage bei 400 Euro = 31 Prozent der ursprünglichen Kosten. Nicht hinterfragt wurden der Einsatz fossiler Brennstoffe und nicht weiter in die Zukunft projiziert die durchschnittlichen Preissteigerungen für diese Brennstoffe während der letzten 30 Jahre. Eigentlich eine Rechnung, die nicht aufgeht. Bei einer Investition von 35.000 Euro liegt die Ersparnis auch ohne zukünftige Preissteigerungen für die weiterhin zuzukaufende Energie bei 21.000 Euro, bei einer Investition von 40.000 Euro liegt sie bei 31.500 Euro. Zuschüsse bewusst außen vor lassend, denn die sind - genau genommen - nicht nur volkswirtschaftlich kontraproduktiv, wie sich bei der nachfolgenden, vom aktuellen Mainstream abweichenden Betrachtung sehen lässt:
Angenommen, man ändert "nur" Heizung und Fenster - welch ein ketzerischer Gedanke in Hochdämmzeiten!. Die Heizung wird umgestellt auf Solarthermie mit einem Bedarfsdeckungsgrad von cirka 85 - 90 Prozent - für Bedarfsspitzen ergänzt um einen Pelletofen im Wohnzimmer - und eine Wärmeverteilung mittels Bauteilaktivierung/
Strahlungswärme. Neue, höherwertig dämmende Fenster mit Dampfdruckausgleichs-
ventilen runden diese Maßnahmen ab. Bei einer Investition von geschätzt 35.000 Euro bringt das eine Reduzierung der Energiekosten von 150 Euro = 10 Prozent bis 250 Euro = 17 Prozent - je nach Winter -, das macht über 30 Jahre im Mittel eine Ersparnis von 37.500 Euro, was mehr ist als eine "schwarze Null". Preissteigerungen für fossile Brennstoffe müssen nie wieder in den Haushalt eingerechnet werden und die Frage, ob die menschlich verursachten CO²-Emmissionen erheblich die Umwelt belasten oder nicht, kann ebenso vernachlässigt bleiben, wie die nach der zukünftigen Entsorgung etwaiger Dämmstoffe. Im Wohnzimmer kann man ungleich zugfreier sitzen und ethisch, sofern einem daran liegt, steht man ebenfalls recht gut da. Allein, es geht halt auch um Geld, mehr oder weniger sauer verdientes, und einen angemessenen Nutzen. Vielleicht sogar für die eigenen Kinder, Enkelkinder und Nachbarn. Abwägen muss man dies freilich selber und wie immer kommt es auf den Einzelfall an. You can run, but you can't hide. Mehr über nachhaltiges Bauen und Denken demnächst.
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