High Tech oder Low Tech? - Teil 1

Nachhaltigkeit fängt früher an ...

 

Text: Diplom-Ingenieur Reinhard Münster 

 

6. Oktober 2009 - Zum ersten Mal fiel es mir auf bei der ersten Besichtigung des neuen, seinerzeit von den Medien und ebenso vielen Kollegen hoch gelobten Kranzler-Ecks 2001 in Berlin. Es zog. Ich bog um eine Gebäudeecke und stand an einem sonnigen Hochsommertag unversehens inmitten einer steifen, kalten Brise. Dasselbe wiederholte sich Stunden später am Sony-Center, etwas exponierter gelegen, gleichwohl derart auch hier nicht erwartet. Mir war und ist bis heute unbegreiflich, was den Reiz eines zugigen Ortes (mag man ihn hier und da auch hochtrabend "Piazza" oder "Boulevard" nennen) ausmachen kann oder soll.

Tatsächlich stehen beide Beispiele nicht allein und sollten auch nicht ausschließlich ihren Architekten angekreidet werden. Denn auch viele Stadtplaner, Politiker, Standortvertreter, Investoren und Nutzer scheinen derartige Mängel geradezu als Qualitätsmerkmal misszuverstehen. Anders lässt sich die Fülle hervorragender Beispiele allerorten nicht erklären: Die Hafencity in Hamburg mit ihren langen, winddurchtosten Ost-West-Achsen, auch an warmen Spätsommertagen oft auffallend verwaist; nur wenige Kilometer westwärts das ehemalige Bavaria-Gelände mit einem ebenfalls Ost-West-gerichteten Windkanal, an dessen östlichem Ende die vorgesehene Gastronomie merkwürdigerweise bis heute nicht in Gang kommen will; der Duisburger Binnenhafen, an dem die frisch gedeckten Tische stadtseitig angrenzender Restaurants gelegentlich mal eben von niederfallenden Lüftchen abgeräumt werden; in Köln die langgestreckte und wiederum zugige Tristesse des Rheinauhafens.

Was ist aus dem Jahrhunderte alten und keineswegs geheimen Wissen um wesentliche Elemente soliden Städtebauens geworden?

 

Dass lange, breite Strassen und Stadträume nicht parallel zur ortstypischen Hauptwindrichtung liegen sollten, dass sie anderenfalls durch Profil, Krümmung und Längenbegrenzug behaglich zu halten seien und dass sich Stadt aus guten Gründen anders definiert als ausschließlich über beziehungslos freigestellte und überdimensionierte Solitärbaukörpern mit nix dazwischen. Wenn man genau hinsieht, erkennt man - aller Hochpreisigkeit und zertifizierter technischer Ausstattung der angrenzenden Bauten zum Trotz - der Kaiser ist nackt.

 

Allein, die schöne kühle Pracht allzeit von Computern gesteuerter und Ingenieuren fernüberwachter

Hightech-Neubauten kann und wird nicht von Dauer sein. Büros und Wohnungen im Umfeld der zitierten Städträume leiden trotz aller moderner Haus- und Fassadentechnik nur zu oft unter auch wirtschaftlich desaströsen Mängeln: Kaum beherrschbare Überhitzung im Sommer und unerwartete Auskühlung im Winter, nahezu ganztägige Verschattung durch auf demselben Grundstück gelegene, hier wiederum jeden wünschenswerten, ansonsten baurechtlich bindenden Gebäudeabstand unterschreitende Nachbarbauten und, Abwesenheit jedweden nicht mit Marketinggeklinkel herbeigelobten urbanen Lebens. Die ewigjungen Schlagworte von Luxus und Exklusivität, schöngeredete Marken-Architektur, die allüberall durchaus vergleichbare Trendsgastronomie (heute trocknen und grillen wir infrarot), Designerleuchten und Lichtfarbspiele im öffentlichen Raum, betonumwehrte Pflanzfelder und dort, wo Absturzgefahr droht, die immergleichen Stahlseilgeländer, bringen es einfach nicht. Wenn die wesentlichen Dinge - Angemessenheit und Behaglichkeit des Ortes - nicht beizeiten intensiv bedacht und erträumt werden, lässt sich das Versäumte auf Dauer nicht verbergen und später auch nicht mehr nachholen. Die Menschen kommen einmal, frieren und bleiben weg. Für Immobilien und einen verpfuschten Städtebau ist der Zweitmarkt (auf ihm trifft man in der Regel weniger euphorische Investoren und Makler) ein durchaus scharfer Richter.

Um so mehr hat ökologische, kulturelle, ästhetische und ökonomische Nachhaltigkeit mit Nachdenken zu tun. 

 

Nachdenken weit über den Tag und gewohnte Grenzen hinaus. Designer- und Ingenieurslogik, eher in der Gebrauchsgüterindustrie und im Maschinenbau als in der auch sozial und funktional komplexeren Raumgestaltung verankert, und die ihrer Logik folgenden Lösungsansätze immer dickerer Dämmstoffpakete und zunehmend aufwendigere Stahl-Glas-Fassadensysteme ersetzen dieses von mir gemeinte Nachdenken nicht. Es ist ein grundlegendes Nachdenken, das erforderlich ist und umsichtig alle Bedingungen und Folgen einer Standortentwicklung, also auch die städtebaulichen und infrastrukturellen erwägt. Es sollte den menschlichen Gebrauch im Mittelpunkt haben, also die menschliche Gewohnheit, welche ja immer auch in Traditionen, das heisst kulturell begründet ist. Auch sollte es Komplexität nicht scheuen, etwa durch Beschränkung auf einseitig verfolgte Technologien wie die der Dämmung und - immer noch - Lufterwärmung, statt auch mal Ansprüche und Bequemlichkeiten kritisch zu hinterfragen. Müssen beispielsweise alle Räume einer Wohnung oder an einem Arbeitsplatz ganzjährig und ganztägig auf 23° erwärmt werden und fällt uns sonst - ausser sperrigen Radiatorenheizungen alternativ doktrinär Segen spendenden Zwangsbelüftungs-

systemen, dreifach dichten Kunststofffenstern und bald 20 cm starken und winddicht hinterklebten Wärmedämmverbundsystemen - zum Thema CO²-Ersparnis nichts ein?

Nachdenken, solches Nachdenken freilich kostet, ...

 

... auch im Rahmen von Architektur und Städtebau. Dabei ist es immer noch preiswerter als es zu unterlassen. Wer mithin Planung, zu guter Letzt also auch die Architektenleistung nur als unreflektierte Fortschreibung gewohnter Grössen und sodann allenfalls noch unter Einsparungsge-

sichtspunkten versteht, irrt. Denn tatsächlich kann gutes Bauen durchaus kostengünstig, qualitätsvoll und nachhaltig sein. Gut proportionierte Räume können auch leer oder sparsam möbliert angenehm sein, ein technisch und funktional vom Fachmann oder von einer Fachfrau ersonnenes Gebäude dauerhaft ökonomischer als eines von der Stange und der vorab einzuplanende Aufwand hierzu bereichernder als jedweder Luxuswareneinkauf. Allerdings muss die hierzu erforderliche Leistung auch gewürdigt und teils sogar selbst erbracht werden. Eben das, und vor allem das, kostet. Wer hierbei geizt, stellt sich selbt ein Bein. Lineare Kostensenkungen (also auch und insbesondere bei der Planung) und höchster Gewinn/höchste Nachhaltigkeit vertragen sich nicht. Es zusammenzwingen zu wollen, bedeutet, auf Unterschlagung hinzuarbeiten. Denn was nicht honoriert wird, wird nach menschlicher Logik auch nicht geliefert werden. Nachhaltigkeit fängt also beim ersten Nachdenken an. Bei der Standortwahl. Bei der ganz persönlichen Definition des eigenen Verhältnisses zur Welt. Nicht nur, wie hebe ich mich ab, sondern auch, wo und wie füge/ordne ich mich ein? Wie wichtig ist mir die Gemeinschaft und wie will ich mir ihr verkehren? Was werde ich weitergeben/vererben wollen? Wird das, was mir gerade gut und teuer erscheint, morgen noch dasselbe sein? Hier, bei diesem Nachsinnen, fängt wahre Sparsamkeit an. Normen, die sogenannten anerkannten Regeln der Technik und die ausgefeiltesten Rohprodukte können da allenfalls Begleitmusik sein. Denn auch sie wird man prüfen und vielleicht sogar verwerfen müssen.

Schließlich, aber nicht zuletzt, gibt es ja eben auch noch das Thema menschlicher, ...

 

... oft eigener Eitelkeit zu bedenken, die vieles hervorbringt, was teuer, nicht sinnvoll und eigentlich sogar gut verzichtbar ist. Manch eine grosse architektonische Geste wie so manch privater Einkauf ist,  was ich mir auch immer wieder sage, schlichtweg überflüssig. Designerbäder, die grösser als die benachbarten Kinderzimmer sind, darin preisgekrönte Waschtische und Armaturen, deren Funktionalität sich auf den schönen Anblick beschränkt, während sie bei normalem Gebrauch ihre Umgebung - grossflächige Spiegel und mit dunklen Edelhölzern furnierte Unterkonstruktionen - grossflächig unter Wasser setzen. Immer wieder auch offene Kamine und Elternschlafzimmer, die hinsichtlich Grösse und Ausstattungsqualität in keinem Verhältnis zu ihrer physikalisch messbaren Nutzungsdauer stehen und zudem mit erschütternder Offenherzigkeit priviligiert sind, im Vergleich zu den Räumen des im Laufe des Tages und über die Jahre hinweg oft viel notwendiger auf eine angemessene Privatsphäre angewiesenen Nachwuchses (Wirklich kein Thema? Auch nicht, was wir derart über unser Verhältnis zu unseren eigenen Kindern verraten? Sollen sie wirklich möglichst schnell das Haus verlassen?), grosszügige Ostterassen - dafür mit Blick auf den Rhein! - und, und, und. Natürlich sollten unsere Gedanken und Antworten am Ende einfach sein und für jedermann begreifbar, aller Umsicht und Vielschichtigkeit des Bedachten zum Trotz. Sie sollten schlicht sein und selbstverständlich und dem warmen Wohlbehagen Ausdruck verleihen, das uns beschleicht, wenn wir an das von uns Erreichte denken. Auch ohne CO²-Verschwendung. Mehr dazu demnächst. 

 

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