Nachhaltigkeit für Gründerzeitbauten
Text: Diplom-Ingenieur Reinhard Münster
3. Dezember 2009 - "Viele Altbauten lassen bei der Wärmedämmung zu wünschen übrig", so der Untertitel zu einem Foto im Hamburger Abendblatt vom 30.09.2009. Das Bild welches einen offenkundigenMangel vieler Altbauten suggerieren soll, ähnliche Motive werden auch in anderen Veröffentlichungen gerne zur Verdeutlichung mangelnder Wärmedämmung herangezogen, zeigt zwei aneinander benachbarte Berliner Gründerzeitbauten, der linke ostalgisch grau, der rechte aufmunternd bunt. Hier fällt der Putz von der Fassade, dort wurde Fehlendes ergänzt und frisch gestrichen. Schade nur, dass uns das in die Irre führt.
Foto: dpa
Da ist zunächst einmal ein Unterschied, der keiner ist. Denn sieht man genau hin, verfügt weder das marode erscheinende, noch das erkennbar sanierte Gebäude über eine Wärmedämmung nach heutiger Norm. Und das ist - aufgepasst! - gar nicht mal so schlimm. Denn nach eingehender Würdigung der in Frage stehenden Bausubstanz sowie aller heute gegebenen technischen Möglichkeiten geht es auch anders, nachhaltiger und vor allen Dingen preisgünstiger. An alle Verpackungs-
künstler also der Ruf: Finger weg von unseren Gründerzeitbauten!
Denn tatsächlich entsprachen beide Beispielbauten zu ihrer Entstehungszeit allerhöchsten Standards und bilden in gewisser Hinsicht bis heute den Höhepunkt einer über Jahrhunderte hinweg bewährten und ständig verfeinerten Heizungs- und Klimatisierungstechnik. Dass wir, die Nutzer, Ingenieure und Handwerker, aber auch die Politik bisweilen vergesslich sind - und wie sollten wir etwas nicht vergessen, was bald 100 Jahre zurück liegt -, ändert nichts daran. Tatsache ist, dass alle Gründerzeitbauten für Strahlungswärme ausgelegt sind und erst mit der Zeit und gegen ihre Natur auf Heizsysteme mit Luftzirkulation umgestellt wurden.
Ein Krieg war verloren, man musste kürzer treten
Neue technische Erfindungen und Ideologen, veränderte wirtschaftliche und politische Bedingungen, menschliche Bequemlichkeit, das bisweilen panikhafte Bedürfnis, mit der Mode zu gehen, das anbrechende hygienische Zeitalter, noch harmlos, weil scheinbar idealistisch, dem Nutzen des Menschen zugewandt - man kann dem Optimismus zum Beispiel der Bauhausbewegung durchaus auch kritische Seiten abgewinnen -, stehen hierfür Pate. Ein Krieg war verloren, man musste kürzer treten. Die Räume wurden kleiner und flacher. Ornament eben auch als Zeichen der Verschwendung, wurde ein Verbrechen.
Mit der glatten Ästhetik des Dampfschiffes kam so auch seine im Idealfall zentral gesteuerte Technik mehr und mehr ins Spiel. Der Kapitän auf der Kommandobrücke - das war vielleicht sogar das erste demokratische Führungsideal. Schlichte gusseiserne Radiatoren aus industrieller Grossserienproduktion an Stelle handwerklich erstellter Kachelöfen mit allerlei Zierrat lagen daneben, aber auch optisch voll im Trend der Zeit. Unsichtbare Heizzentralen im Keller an Stelle vieler dezentraler, von Staub (mangels Wartung) und Schlepperei begleiteter, hoher Einzelöfen - das musste einem modernen Menschen einfach gefallen.
Allein, der Mensch denkt oft nicht nach. Die auf viele kleine Manufakturen verteilten Anbieter von Kachelöfen blieben ihre Antwort schuldig. Überdies nahm das Bauen insgesamt immer stärker industrielle Züge an. Umso absurder waren anfängliche Versuche, immerhin bis in die 60-er Jahre hinein, Räume mit der neuen Technik von der Mitte des Hauses aus zu erwärmen - Kastenfenster und entsprechend dicke Aussenwände widersprechen der modernen Ökonomie - und so zog es an allen Ecken und Kanten. Der Kontrolle für den eigenen Energieverbrauch entfremdet, drehte man mit den Jahren immer weiter auf.
19° Celsius ist nicht ohne Grund die empfohlene Rotwein(trink)temperatur
Die normale Zimmertemperatur in den Aufenthaltsräumen gründerzeitlicher Wohnungen, auch der besseren, betrug 19° Celsius. Alles hat seine Geschichte: 19° Celsius ist nicht ohne Grund die empfohlene Rotwein(trink)temperatur. Nebenräume blieben kühler und manche sogar wohlbedacht unbeheizt. Elektrizität war noch ein Luxusgut, dessen Inanspruchnahme man nicht übertrieb. Auch hier erhöhte sich der Verbrauch schleichend. Atomkraft versprach dauerhaft niedrige Preise und unerschöpfliche Energie. Also konnten elektrische Herde, Kühlschränke und Klimageräte uns unserer alltäglichen Vernunft entwöhnen.
Und nun haben wir da diese alten Häuser, ja nicht alle sind Baudenkmäler, da können wir doch jetzt zu Ende denken und aus ihnen hocheffiziente Wärme- und Kühlschränke machen. Ja, wir müssen auf das Tauwasser achten, und "zu" muss dann richtig "zu sein". Wer noch einen Vogel hören möchte, der möge eine CD einlegen - die Fenster bleiben geschlossen, bitte! -, da sei der mahende Zeigefinger vor, dass da einer oder eine noch aus der Reihe tanzt. Denn weil der Mensch dumm ist, muss man ihn kontrollieren. Das mit der zunehmenden Wärme draussen und der notwendigen Kühlung drinnen wird er am Ende auch noch einsehen ...
Und? Was sagte das alte Haus dazu, könnte es sprechen? Vielleicht einfach nur "Gemach, gemach! Komm, schau mich an, und verstehe, was Du mit mir gemacht hast und machen willst. Sieh aber bitte auch die Alternativen. Ein Heizsystem, dass auf Luftbewegung im Raum setzt, muss zwangsläufig Zugluft zur Folge haben. Das geht nicht anders, auch wegen meiner Raumhöhen. Um diese Folgen in Deinem Empfinden zu mindern, musst Du mehr heizen und damit wiederum die Luftfeuchtigkeit steigern. Aber selbst das könnte mir nicht schaden, solange die Gebäudehülle in Massen durchlässig, das heisst atmungsaktiv bliebe.
Nicht wahr. Du läufst doch auch nicht in einem Taucheranzug herum? Du kannst meine alten, stuckverzierten Fassaden abbrechen, glätten, luftdicht verkleben und sodann in Styropor neu ausführen. Welchen Wert das hat, lass Dir bitte von anderen erklären, vielleicht vermögen einige für beide Seiten zu sprechen. Du kannst freilich auch kleineres Geld für die Reaktivierung meines alten und in vielerlei Hinsicht gesünderen Strahlungsheizsystems verwenden. Gleich, ob in Form von Bauteilaktivierungen oder anderen zentral/dezentral im Gebäude plazierter Wärme- bzw. Kältespeichern.
Es liegt an Deiner Kreativität, Deiner Vernunft und Deinen Rechenkünsten
Mit Solarabsorbern auf meinem großen rückseitigen Flachdach, einem Biomassekessel im Keller als befristete Reserve für Spitzenzeiten und neuen Strahlungsheizkörpern an Stelle der doofen Radiatoren, hättest Du wirklich etwas Gescheites. Bei Vorlauftemperaturen bis maximal 32° Celsius und gefühlten Raumtemperaturen um die 21° verringerten sich Deine laufenden Heizkosten auf unter 25 Prozent. CO²-frei, versteht sich. Gelegentlich wirst Du einzelne Komponenten nachrüsten und eines Tages vielleicht sogar auf den Heizkessel verzichten.
Denk daran, ich bin ein betagtes Haus. Noch aus der alten schweren Zeit. Ich bin kein Schiff. Schiffe sind leicht. Schiffe schwimmen. Schiffe haben keine Speichermasse. Schiffe kann man nur dämmen." Dem lässt sich eigentlich nichts hinzufügen. Ausser vielleicht, dass Fortschritt nicht per se schlecht ist. Es wird leistungsfähigere Wärmetauscher geben. Auch effizientere Solarabsorber wird es geben. Moderne Fenster können bereits heute subjektiv dicht und zugleich diffusionsoffen sein. Raumweise individuell programmierbar, um die notwendigen Luftwechsel zu sichern. Mehr über schwere bzw. leichte Bauten demnächst.
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