Hamburg, meine Immobilienperle?! - Symposium läßt Umbruchphase deutlich werden
Text: Dagmar Hotze
11. Februar 2010 - Ob den 100 Teilnehmern des zweitägigen Immobilien-Symposium Hamburg der Kopf geraucht hat, kann nicht mit Gewißheit gesagt werden. Mit Sicherheit jedoch hat jeder eine "Hausaufgaben-Liste" mit auf den Weg bekommen. Das Stimmungsbarometer und die Perspektiven für Hamburg als Immobilienstandort können zwar als gut bezeichnet werden, da die Hansestadt als einzige Metropole Deutschlands wächst, so Finanzsenator Dr. Michael Freytag in seinem Eingangsvortrag am Eröffnungstag. Damit dieser Vorteil voll ausgespielt werden kann, müssen jedoch noch einige Anstrengungen unternommen werden, um in die Liga der Global Player aufzusteigen, wie die anschließenden Referate deutlich machten.
Eine hochkarätige Besetzung aus Politik, Wissenschaft, Immobilien- und Finanzwirtschaft sprach am 9. und 10. Februar 2010 im Empire Riverside Hotel "tacheles" über die Zukunftschancen der Hansestadt als Immobilienstandort. Mit den städtebaulichen Aktivitäten während der Internationalen Bauausstellung (IBA Hamburg) von 2010 bis 2013, der Erweiterung der Innenstadt durch die Hafen City und der Quartiersaufwertung mit Hilfe von Business und Housing Improvement Districts (BID bzw. HID) ist Hamburg auf einem guten Weg dorthin, wie der Oberbaudirektor Prof. Jörn Walter, unter dem Motto des ersten Vormittags "Hamburg zwischen C(r)ash Creativity und internationaler Standortliga", feststellte.
Dieter Becken, Geschäftsführer BECKEN Holding GmbH | Foto: Archiv Mopo
"Mutige und kreative Projektentwickler, die sich antizyklisch zum Markt verhalten und langfristig denken", können und sollten diese positiven Impulse verstärken, verdeutlichte Dieter Becken, Geschäftsführer der BECKEN Holding in seinem anschließenden Vortrag, dem die Anwesenden gespannt folgten. Becken, der 2006 sein gesamtes Immobilienportfolio verkaufte, damit einen radikalen Schnitt machte, um sich kurze Zeit später am Markt neu aufzustellen, sprach sehr persönlich über die Fähigkeiten eines Projektentwicklers, Gefahren und Trends intuitiv zu spüren und entsprechend zu agieren. "Wenn Mitte der 1990iger Jahre die Einkaufsstrasse Ginza in Tokio höher bewertet wurde als ganz New York, dann wusste man, dass das nicht gutgehen konnte. Dann muss man handeln!". Die hierzu notwendigen finanziellen Rahmenbedingungen seien durchaus wieder gegeben, zumindest bei der Haspa, laut Frank Brockmann, Vorstandsmitglied der Hamburger Sparkasse. Nun gehe es darum, international konkurrenzfähige Immobilien zu entwickeln, deren monetärer und funktionaler Wert für den Nutzer und für ein Stadtquartier mehr als eine Dekade überdauere. Und hier zeigten sich die enormen Herausforderungen, die zwar unmittelbar mit der Immobilienwirtschaft verknüpft sind, aber nur indirekt von und durch sie gelöst werden können.
Zum einen sieht sich Hamburg als maritime Metropole und wissensbasierter Dienstleistungsstandort zunehmend einem internationalen Wettbewerb um hochqualizifierte, kreative Menschen ausgesetzt. Diese mobile, in der Regel gut verdienende "Klasse", erwartet ein reichhaltiges, mehrsprachiges Angebot an Kultur, Freizeit, Naherholung und auch adäquate Einkaufsmöglichkeiten. "Ist Hamburg hier bereits zukunftsfähig aufgestellt?", fragte Dr. Silvia Stiller vom Hamburger Weltwirtschafts-
institut. Zum anderen ist die Hansestadt gehalten, ihre knappen Flächenressourcen besser zu nutzen als bisher. Problematische Stadtteile kann sich die Stadt schlichtweg nicht mehr leisten. Das über Jahrzehnte vernachlässigte Wilhelmsburg ist ein gutes Beispiel für das Dilemma der Stadt. Hier wohnen die jüngsten Einwohner Hamburgs, mit den schlechtesten Bildungschancen, der Wohnraum entspricht nicht den zeitgemässen Anforderungen und zudem trage die Verkehrsführung zur Abkoppelung des Stadtteils bei. "Diese Schwachpunkte müssen überwunden werden", konstatierten Stiller und Prof. Dr. Jens-Uwe Fischer, Leiter Sanierungsmanagement, Deutsche Bahn AG, in ihren Vorträgen. Die Lage verschärfe sich außerdem durch den demografischen Wandel in Gesamtdeutschland, den auch Hamburg in den kommenden Jahren dadurch spüren werde, dass innerstädtische Wohnlagen wegen ihrer guten Infrastruktur bevorzugt von älteren Menschen nachgefragt werden. Die Dramaturgie der Vorträge war hervorragend vom Veranstalter, der Management Circle AG, gesetzt, um den Werdungs- und Wirkungsprozess am Immobilienmarkt aufzuzeigen. Der Tag sollte eigentlich mit einem Vortrag von Stararchitekt Daniel Libeskind ausklingen, was das winterliche Wetter zum Leidwesen aller verhinderte. Per Grußbotschaft kündigte der Architekt am nächsten Tag an, er werde den Vortrag im Sommer nachholen.
Dr. Silvia Stiller, Leiterin am Hamburger Weltwirtschaftsinstitut | Foto: HWWI
Was kann die Immobilienwirtschaft nun dazu beitragen, dass Hamburg international attraktiv bleibt, oder noch besser, stärker nachgefragt wird? Vernetzung zwischen den Beteiligten lautet die Antwort. "Der interdisziplinäre Dialog muss in Gang kommen. Stadt, Immobilienwirtschaft und Bürger müssen wesentlich mehr miteinander kommunizieren", appellierte Stiller. Die Investition in ökologische und nachhaltige Gebäude sind ebenfalls Maßnahmen, die die Attraktivität steigern. "Hier sind noch Potenziale zu heben", resümiert Dr. Daniel Piazolo, Geschäftsführer IPD Investment Property Datenbank. "Angesichts eines Total Return von 8 %, was im internationalen Vergleich gering ist". "Boring is sexy", ist dennoch sein Befund. Ob das Verlangen anhält?
Hamburgs Bodenständigkeit hat die Stadt einerseits vor einer Immobilien-Hybris bewahrt, wie sie London vor kurzem erlebt hat. Andererseits muss sowohl die Stadt wie auch die Immoilienbranche mehr Dynamik entwickeln, wenn sie zu den Global Playern aufschließen wollen. Zwei Themen werden dabei beherrschend sein: Die Nachhaltigkeit von Immobilien und die Wahrung des sozialen Gleichgewichts bei der Quartiersentwicklung. Wer an den Nutzern und der Nutzung vorbeiplant, wird am Markt nicht erfolgreich sein. Die anstehenden Aufgaben kann die Immobilienwirtschaft nicht alleine lösen. Aber sie hat die Chance, der Motor und damit der Treiber für eine weitsichtige, nachhaltige und damit gerechte Stadtentwicklung in Hamburg sein, von der alle profitieren. Es bleibt also weiterhin spannend.