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Albert Speer & Partner. Ein Manifest für nachhaltige Stadtplanung: Think Global, Act Local

Jeremy Gaines und Stefen Jäger (Autoren)

Geb., 224 Seiten, zahlr. Abb. und Fotos

ISBN 978-3791342061, € 29,95

Prestel Verlag, sofort lieferbar 

 

Die meisten Menschen werden im 21. Jahrhundert in Städten leben. In Megacities, die von 10 bis 20 Millionen Menschen bevölkert sein werden. In manchen Regionen der Welt, wie in Afrika, Asien und Lateinamerika werden es auch mehr sein. Angesichts der mangelhaften Infrastruktur, die bereits heutige Städte aufweisen, ein unvorstellbares Szenario. Nicht alleine die Anpassung der Infrastruktur stellt die Verantwortlichen vor enorme Herausforderungen, gerade der Klimawandel und die schwindenden Energie- und Wasserressourcen erfordern ein radikales Umdenken. Wie kann also eine Stadtplanung ausssehen, die Mensch und Natur verträglich zueinander bringt? Geht das überhaupt?

 

Der Stadtplaner Albert Speer hat sich schon frühzeitig Gedanken darüber gemacht. Bereits 1992 schrieb er seine Überlegungen zu einer "intelligenten Stadt" in einem höchst aktuellen Buch nieder. Durch die damaligen gesellschaftlichen und politischen Ereignisse (Nachwehen der deutschen Wiedervereinigung, wirtschaftliche Zusammen-

führung beider Staaten), sind die konstruktiven, weitsichtigen Denkansätze dieses Buches unbeachtet geblieben. Schon vor 18 Jahren entwickelte Speer Strategien, die heute als "nachhaltige Stadtentwicklung" allerorts postuliert werden. Um so mehr ist es an der Zeit, das vor einigen Monaten von Jeremy Gaines und Stefan Jäger veröffentlichte Buch über Speer, sein Büro und seine Projekte in aller Welt aufmerksam zu lesen.

 

Erstaunlich ist, wie unvoreingenommen der mittlerweile 75jährige Stadtplaner Ressourcenschutz, anspruchsvolle Architekturkonzepte und neue Technologien miteinander verknüpft. Für ihn gibt es keine Tabus, nur Lösungen. Jede Stadt, ganz gleich ob Köln oder in Afrika, braucht ihre individuelle Lösung. Aber immer auf der Basis von Umweltschutz, Humanität und modernem Wissen. Speers Arbeitsweise unterscheidet sich deutlich von hierarisch organisierten Unternehmen seiner Zunft. Oft überläßt er es seinem interdisziplinär besetzten Mitarbeiterstab, eigenverantwortlich zu entscheiden. Unkritische Mitarbeiter, die dem "Baumeister" nach dem Mund reden, mag er überhaupt nicht. Sätze wie "Das haben wir schon immer so gemacht", wird man hier kaum hören. Kreativität, Weitsicht und ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz sind die Voraussetzung dafür, komplexe Prozesse gedanklich nachzuvoll-

ziehen. So erteilt uns Speer gleich zwei Lektion: Die Entwicklung nachhaltig wirksamer (Stadt-)Konzepte ist auch und vor allem abhängig von der Umgebung, in der sie entstehen. Und, nur eine pluralistisch denkende und auf ein Gemeinwesen ausgerich-

tete Gesellschaft wird in der Lage sein, zukunftsfähige Städte zu bauen. Wir stehen also erst am Anfang einer radikalen Erneuerung unserer Städte - und unseres Denkens. 

 

Ein aufschlussreiches Video-Interview, geführt vom Hessischen Rundfunk und ein Beitrag im ARD-Magazin Titel, Thesen, Temperamente runden die Infos ab. 

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Albert Speer im Interview mit Q & A
QA Architect for a sustainable future.pd
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Autorin: Dagmar Hotze 11/2009

Ein Must-have für Architekten, Designer, Produktmanager und Nutzer

 

Universal Design - Lösungen für einen barrierefreien Alltag

Oliver Herwig (Autor)

176 Seiten, 130 Farbabb. und 20 Zeichn.

ISBN 978-3-7643-8717-4, € 49,90

Birkhäuser Verlag, sofort lieferbar

 

Oliver Herwig verschafft uns einen Überblick über die Ansprüche und die Motive von Univeral Design. Gemeint ist ein Design, das sich den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft stellt. Hierbei wird nicht nur, wie der Name schon sagt, eine Minderheit, die über 60 ist, ins Auge gefasst, sondern der Anspruch ist, für alle Lebensabschnitte und Altersgruppen eine Produktkultur zu entwickeln. Diese Produktkultur sieht vor, uns die Nutzung technischer Errungenschaften so einfach und komfortabel wie möglich zugänglich zu machen. Der Autor fordert uns auf, unsere Benutzerperspektive zu ändern. Die Alten von Morgen werden sehr viel mobiler sein und höhere Ansprüche an ihren Lebensabend stellen. Hierbei versteht sich die verminderte optische, motorische und kognitive Leistungsfähigkeit nicht als Handicap. Viel eher sind Designer und Hersteller gefragt, nutzerfreundliche Lösungen anzubieten. Die Bildschirmdarstellung sollte gut lesbar, ein Menü einfach zu bedienen und ein Navigationssystem schnell zu verstehen sein. Wie die damalige Familienministerin von der Leyen 2006 erklärte, macht bereits damals die Generation 60 plus ein Drittel des privaten Konsums aus. Firmen erkennen die Bedeutung und richten ihre Werbekam-pagnen und Produktlinien darauf aus, eindrucksvoll in der Kosmetikkampagne von Dove zu sehen.

 

Da die Bedürfnisse der Senioren komplex und heterogen sind, ist eine Massenpro-

duktion kaum möglich. Warum aber nicht alle an diesem Komfort teilhaben lassen? Leichte Erlernbarkeit und Benutzbarkeit kommt auch jüngeren Nutzern entgegen. Nur fühlen die sich oft durch ein antiquiertes "Reha-Design" abgeschreckt. Oliver Herwig führt auf, wie sich der Markt auf die neuen Anforderungen einstellt. In einem Alterssimulationsanzug wird die verminderte Leistungsfähigkeit getestet und das Design angepasst. Mit Blick auf Auge, Ohr, Hand und Fuß werden Lösungsansätze vorgestellt, z.B. könnte der PC als Alltagsgegenstand so einfach wie ein Fernseher zu bedienen sein. Einfache Unterhaltungselektronik wie Wii Sport kommt ohne Maus und Joystick aus. Das Apple iPhone fördert mit dem Touchscreen die intuitive Interaktion und ist in seiner Bedienung selbsterklärend. Zu oft steht die Ergonomie der Objekte an unterster Stelle, während die Marketing- und Verkaufsaspekte zuerst bedient werden. Nicht so in Diana Krauses Küche, welche die Beweglichkeitseinschränkung des Nutzers in das Konzept einbindet. Tiefhängende Schränke bzw. hochhängende Unterschränke machen Bücken und Heben unnötig. Eine gebogene Kante entlang der Arbeitsplatte kann zusätzlich als Griff dienen.

 

Aufschlussreich ist das Kapitel über Leitsysteme im öffentlichen Raum. Piktogramme und Symbole sind aus einer globalisierten Welt nicht mehr wegzudenken und dienen uns als Orientierungshilfe in einem fremden Umfeld. Die präzise Information im ge-

eigneten Kontext ist hier entscheidend. Eine unübersichtliche Beschilderung hat schon so manchen Autofahrer in den Wahnsinn getrieben. Spätestens hier erkennt der Leser, wie wichtig gutes öffentlichkeitsorientiertes Design ist - ob auf Flughäfen oder im Einkaufscenter.

 

Der Band schließt mit einem reich bebilderten Kapitel über komfortable, ästhetisch ansprechende und energiesparende Altersdomizile. Zum Schluss zählt der Autor sieben Prinzipien des Universal Designs in einem kurzen Überblick auf. Anschauliches Bild-

material, viele Quellenangaben und Interviews lockern und ergänzen den Text. Mit großer Schrift und griffigem Format bedient das Buch selbst die Idee des Universal Design. Es wendet sich in erster Linie an Designer und Architekten, aber auch an die Nutzer selbst. Wie oft kommt man sich wie ein Volltrottel vor, weil ein Produkt sich schwer bedienen läßt. Dieses Buch macht Lust auf neues, intelligentes Design, welches die Bedürfnisse der Nutzer an die technische Umwelt umsetzt. Viele Lebensbereiche sind davon betroffen und dabei wird klar, dass die kritische Auseinandersetzung der aktiven Nutzer mit dem Produkt selbst, zunehmen wird.     

 

Autorin: Irina Goudanakis 11/2009

WIEDERENTDECKUNG September 2009

 

Geschichte des Wohnens in 5 Bänden

1. Bd.: Vorgeschichte, Frühgeschichte, Antike; 2. Bd.: Hausen, Wohnen, Residieren; 3. Bd.: Das bürgerliche Zeitalter; 4. Bd.: Reform, Reaktion, Zerstörung; 5. Bd.: Aufbau, Neubau, Umbau

DVA, leider vergriffen (evtl. Amazon)

 

In wirtschaftlichen und sozialen Umbruchzeiten wie diesen, wo sich Dinge wandeln und Werte ändern, ist es anregend, zurückzublicken. Mit den 5 Bänden der Geschichte des Wohnens gelingt dies vorzüglich. Wer sich hier einliest, der stellt bald fest, wie sensibel dieses Thema durch alle Epochen besetzt war. Aus der vorzeitlichen Not-

wendigkeit, ein Dach über dem Kopf zu haben, wurde durch die Jahrhunderte der Wunsch nach den behaglichen "vier Wänden" manifest. Man möchte fast meinen, Wohnen sei etwas sehr Privates - was es auch ist. Gleichzeitig belehren uns die 5 Bände aber auch eines besseren: Wohnen unterlag stets sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strömungen. Nicht zu vergessen die vielen modischen und architektoni-

schen Launen. Die ausgiebige Lektüre bietet die Möglichkeit, Wohnen aus verschie-

denen Blickwinkeln zu betrachten. Bestenfalls hilft sie, die aktuelle Diskussion um energieeffizientes und altersgerechtes Wohnen besser zu verstehen. Und die Erkenntnis reift, dass uns das Thema Wohnen noch lange beschäftigen wird. 

 

Autorin: Dagmar Hotze 09/2009

WIEDERENTDECKUNG Juli 2009

 

Xtreme Houses - Englische Ausgabe

Courtney Smith/Stephan Topham

Geb., 164 Seiten, zahlr. Fotos u. Abb.

ISBN 3-7913-2789-5

Prestel Verlag, leider vergriffen (evtl. Amazon)

 

Wir sind alle Architekten!

 

Im beginnenden 21. Jahrhundert wird die Funktion von Architektur und die daraus entstehenden Wohnverhältnisse neu hinterfragt. Steigende Energiepreise, veränderte Gesellschafts- und Lebensmodelle und bautechnische Fortschritte zwingen, eine Antwort auf die Frage zu finden: Wie wollen/müssen wir zukünftig bauen und wohnen? 90 Jahre nachdem das Bauhaus versucht hat, architektonische Antworten auf die gesellschaftlichen und baulichen Herausforderungen des 20. Jahrhunderts zu finden, stehen wir gerade erst am Anfang dieses Prozesses. Das Buch Xtreme Houses, bereits im Jahr 2002 erschienen, gibt ungewöhnliche Ausblicke auf (zukünftige) Wohnvor-

stellungen.

 

Die Autoren Smith und Topham stellen zu Beginn klar, dass sie keine Architekten sind. Jedoch haben sie ihr ganzes Leben in mehr oder weniger praktikablen Wohnungen und kaum durchdacht konzipierten Häusern verbracht, so dass sie sich durchaus eine Beurteilung dessen zutrauen, was sich "Architektur" nennt. Diese wohltuende Keckheit stimmt den Leser bereits im Einführungstext darauf ein, dass er keinen Hochglanz-Bildband von architektonischen Meisterleistungen in den Händen hält, sondern etwas über radikal neu gedachte Wohn- und Architekturformen erfährt.

 

Gleich im ersten Kapitel stellt das Autorenteam das Image des Häuslebauers auf den Kopf. Angesichts konfektionierter Vorstadtreihenhaus-Architektur, die in ihrer Unpersönlichkeit niemals den individuellen Bedürfnissen der Bewohner gerecht werden kann, präsentieren die Autoren alternative Objekte, deren Eigenheit sich bereits in der Verwendung von Baumaterialien ausdrückt. Beton, Glas und Klinkerfassaden erhalten eine herbe Abfuhr. Die im anschließend präsentierten Kapitel Move to the sticks gezeigten Bauformen muten, zugegebenermaßen, utopisch an. Das Motto hier: Raus aus der Stadt, rein in die Natur. Zu finden sind die gezeigten Objekte daher in Wüsten, Wäldern, auf Bäumen und auf dem Wasser. Die Ideen des niederländischen Architekten Hermann Hertzberger zum Wohnen auf dem Wasser sind keine Zukunftsvision. Vorausschauend auf den Klimawandel und dem damit ansteigenden Meeresspiegel, fördert die niederländische Regierung Wohnprojekte auf dem Wasser. An der Küste der Nordsee sollen ganze Städte und Kolonnien auf dem Wasser entstehen.

 

Die beiden letzten Kapitel sind dem großstädtischen Raum gewidmet. Mobilität und die Knappheit von (bezahlbarem) Wohnraum stehen im Mittelpunkt. Smith und Topham werfen erneut die Frage nach dem Nutzwert von Gebäuden, die nach  dem 2. Weltkrieg gebaut wurden, für die Bewohner auf. Was bietet eine Hochhaus-Wohnung in einer Trabantensiedlung dem Bewohner mehr als umbauten Raum? Sind nicht bloß bauliche Planspiele von Architekten umgesetzt worden, ohne den Blick auf den Bewohner? Und ist dies nicht heute noch so? Die Radikalität der Thesen ist an manchen Stellen des Buches wie ein Offenbarungseid für die Architektur der vergangenen sechzig Jahre.

 

Doch vor allem macht das Buch Lust auf die kommende Architektur. Zum ersten Mal seit der Ära des Bauhauses steht das Individuum bei Architekten und Städteplanern wieder im Fokus - oder sollte es stehen. Zukunftsfähige Gebäude müssen sich dem Bewohner anpassen und nicht umgekehrt. Sie sollten energieautark, flexibel in der Nutzung und in ihren Funktionen automatisch steuerbar sein, für Komfort, Sicherheit und Kommunikation.

 

In seinen Beispielen ist Xtreme Houses sicherlich nicht überall übertragbar. Aber das Buch bietet eine Fülle von Denkansätzen und visuellen Eindrücken. Daher gehört es zum Standardrepertoire jedes Architekturstudiums.

 

Autorin: Dagmar Hotze 8/2009

© Birkhäuser Verlag

NEUERSCHEINUNG Juni 2009

 

Entwurfsatlas Wohnen im Alter - Grundlagen und Prozesse

(Hrsg.) Eckhard Feddersen / Insa Lüdtke

Geb., 248 Seiten, 700 Abb. und Skizzen

ISBN 978-3-7643-8870-6, € 89,90

Birkhäuser Verlag, sofort lieferbar

 

Vielleicht erkennen wir es noch nicht, aber die wahrscheinlich garvierendste Herausforderung besteht für unsere Gesellschaft darin, ein selbständiges und qualitätsvolles Wohnen im Alter für alle Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten. Angesichts der enormen Altersverschiebung, die wir in den kommenden Jahren in allen Lebensbereichen deutlich spüren werden, keine leichte Aufgabe. Vor allen Dingen dann nicht, wenn der öffentliche Wohnungsbau so gut wie eingestellt wurde und wohnungs- und bauwirtschaftlich tragfähige Konzepte weitestgehend fehlen. Doch ganz so schlimm ist es nicht, denn es gibt durchaus engagierte Architekten und soziale Trägerschaften, die sich Gedanken über innovative Wohnformen machen. Der Architekt Eckhard Feddersen und die als Journalistin tätige Architektin Insa Lüdtke gehören mit Sicherheit dazu, wie ihr kürzlich erschienener, äußerst interessanter Entwurfsatlas zeigt. 

 

Die ersten beiden Kapitel bringen dem Leser das notwendige Grundverständnis nahe, was es heißt, die Funktionalität einer Wohnung auf altersgerechte Bedürfnisse aus-

zurichten. Auch der Faktor Demenz wird (muss) mit in die Planung des Gebäudes und der technischen Infrastruktur eingeplant werden. Ebenso die flexible Handhabung des Grundrisses. Wohnen nach Lebensabschnitten, nicht nach starren Vorgaben, ist die Devise. Multifunktionalität das Schlüsselwort. Die am Entstehungsprozess Beteiligten werden in die Überlegungen mit einbezogen, bis hin zur Pflegewirtschaft. Der Lebenszyklus, die Energiebilanz und die Nutzung eines Gebäudes finden hier vorbildlich dargestellt zusammen.

 

Praxisnähe entsteht in den Kapiteln Typologie und Projekte. Äußerst lehrreich geben die 14 Autoren einen Überblick über die diversen Wohnformen, die aktuell überall auf der Welt zu finden sind: Mehrgenerationen-Wohnen, Betreutes Wohnen - Wohnen mit Service, Wohn- und Pflegeheime, Zielgruppenorientiertes Wohnen, Integratives Wohnen - Quartiersnahe Angebote, Wohnen für Menschen mit Demenz. Auch aus Deutschland kommen einige Beispiele, so die Elbschloss Residenz in Hamburg und das Seniorenzentrum St. Michael in Berlin. Angereichert durch Grundrisszeichnungen, Fotografien und Perspektiven erläutert der dazugehörige Text leicht verständlich die Überlegungen, die der Planung vorausgegangen sind. Der fachübergreifende und nutzerorientierte Ansatz ist allen Beiträgen wohltuend anzumerken. Was soll für wen womit erreicht werden? Wie lassen sich die Gegebenheiten mit den Bedürfnissen unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zusammenbringen? So oder ähnlich müssen auch die Herausgeber bei der Zusammenstellung des Buches vorgegangen sein. Denn es ist kein Architekturbuch (Gott sei Dank!), sondern ein praktischer Ratgeber für alle, die sich über die Wohnmöglichkeiten im Alter fundiert informieren möchten. Besonders der Architektenschaft und den Entscheidern der Immobilienunternehmen sei der Atlas daher wärmstens ans Herz gelegt. Einige von ihnen haben bereits den Begriff der "Seniorenimmobilie" geprägt. Zugegeben, ein lukrativer Markt - für manche, aber eben nicht für alle! 

 

Damit wären wir auch schon bei dem einzigen Manko des Buches: der eingangs angesprochene Aspekte der "Bezahlbarkeit für jeden Bürger" scheint bei manchen Konstruktionen nicht haltbar. Hier wäre es sinnvoll, erneut anzuknüpfen und einen sozialverträglichen Ansatz stärker mit einfließen zu lassen. Dann wird das Buch Pflichtlektüre für alle Kommunal- und Landespolitiker. Denn eines ist sicher: Wenn das Grundrecht Wohnen weiterhin nur als Wirtschaftsgut begriffen wird, erleben wir in nicht allzuferner Zukunft ein Wohnungsnot-Debakel, das uns teuer zu stehen kommt - ganz abgesehen von der Blamage für die politische Klasse. Denn das Fehlen von bezahl-

barem und qualitätsvollem (Stichwort: Energieeffizienz, gebäudetechnische Infra-struktur, etc.) Wohnraum zeichnet sich nicht plötzlich ab. Es ist ein schleichender Prozeß über Jahrzehnte hinweg. Um so verheerender wirkt sich die jetzige finanzielle Krise aus gepaart mit gesellschaftlichen Umbrüchen. Es könnte die Stunde der Architekten sein, die nach jahrelangem Dornröschenschlaf in Glas und Stahl endlich wieder die soziale Tragweite ihres Tuns begreifen.   

 

Die beiden Herausgeber Feddersen und Lüdtke geben mit ihrem Atlas eine gute Diskussionsgrundlage, damit Wohnen bzw. Wohnen im Alter mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rückt. Dorthin wo die Architektur in den zwanziger Jahren ihren Platz hatte - übrigens auch eine Zeit des Umbruchs.

 

Einzig der Preis des Buches mag den interessierten Laien zögerlich werden lassen. Vielleicht läßt sich auch hier ein "nutzerorientierter Ansatz" finden, damit der Inhalt eine möglichst große Leserschaft findet.

 

Autorin: Dagmar Hotze 6/2009 

© Prestel Verlag

Hanno Rauterberg

Worauf wir bauen - Begegnungen mit Architekten

Geb., 157 Seiten, zahlr. farb. Abb.

ISBN 978-3-7913-4014-2, € 24,95

Prestel Verlag, sofort lieferbar

 

"Heute gibt es kaum noch vernünftige Handwerker mehr, und wenn gebaut wird, dann sind es meist nur noch Renditeobjekte. So sehen die Gebäude dann eben auch aus." Bereits auf Seite 31 begegnet der Leser diesen markanten Worten von Günter Behnisch, dem Grand Segnieur der transparenten Baugestaltung. Diese Direktheit zeichnet alle Interviews aus. Wer denkt, dieses sei "nur" ein weiteres Buch über globalschaffende Stararchitekten, der wird eines Besseren belehrt. Der "Baumeister" hat ausgedient. Angesichts knapper werdender Rohstoffe, sind nachhaltige Baukonzepte gefragt, die Teamplayer erfordern, keine über allem schwebenden Baukünstler. Architekten haben endlich wieder eine (gesellschaftliche) Aufgabe.

 

In seinem jetzt vorliegenden Interviewband versammelt der renommierte ZEIT-Kritiker Hanno Rauterberg viele Antworten, die man so sicherlich nicht von weltweit umgarnten Architekten vermutet hätte. Ästhetik spielt nach wie vor eine Rolle, wie könnte es auch anders sein. Hinzugekommen in die Reflektion über Sinn und Zweck von Architektur im 21. Jahrhundert ist ein weiterer Aspekt, der bis vor kurzem nur eine geringe Rolle spielte: die Frage der ökologischen und damit auch ökonomischen Funktionsweise des Objektes. Zu der gestalterischen Frage, wie ein Gebäude aussehen soll, ist die Frage nach der effizienten und Resourcen schonenden Gebäudetechnik hinzugetreten. "Wir brauchen neue intelligente Materialien, ein neues Glas zum Beispiel, das nicht nur gut isolierend wirkt, sondern auch noch wie eine Solarzelle funktioniert (...)", sagt Norman Foster, der bereits viele effiziente Materialien verwendet hat und damit einer der Vorreiter der nachhaltigen Architektur ist. Der 1925 geborene Frei Otto geht gar von einer "mobilen Stadt" aus, in der die Menschen zukünftig leben und arbeiten. "In 50 Jahren werden Mobilheime selbstverständlich sein". Keine so fremde Vorstellung für unser Leben, das bereits heute vom Unterwegs sein bestimmt ist.

 

Dem Interviewer ist es gelungen, den Architekten praktische Ansätze zu entlocken statt Visionen. Außerdem regen die Fragen und Antworten den Leser zum Weiterspinnen an, eben weil sie keine utopischen Fantastereien sind, sondern nachvollziehbare Möglichkeiten. "Ein guter Architekt ist immer Entwicklungshelfer, ein Hausarzt, jemand, der den Menschen nicht ein Gebäude verordnet, sondern ihnen hilft, sich eine passende Unterkunft zu bauen", sagt Frei Otto an späterer Stelle. Denkt man an die vergangenen Jahrzehnte, haben das viele Städtebauer sichtbar vernachlässigt. Über großflächige Abrißaktionen wird in manchen Kommunen aktuell nachgedacht, angesichts vieler maroder und damit unrentabler Hochhausbauten, die niemand mehr bewohnen will und wird.

 

Nach der Lektüre stellt man fest, dass sich der Beruf des Architekten in einer Umbruchphase befindet. Er ist weniger Künstler, mehr Dienstleister; er ist nicht Gestalter, sondern setzt ein (nachhaltiges) Baukonzept um. Ob er "nur" Dienstleister ist, wie Peter Zumthor beklagt, ist fraglich. Schließlich haben es auch Architekten mit ihren (Dienst-) Leistungen in der Hand, für eine ansprechende, nachhaltig wirtschaftende Wohn- und Lebenswelt zu sorgen. Zum Wohle der Menschen, der Natur und letztendlich einer sozial verträglichen Gesellschaft. Zu viel der Aufgaben für die Architekten? Dann sollte sich jeder umschauen, sich fragen, was ihn umgibt? Richtig, unser Leben ist umgeben von Architektur. Wenn das kein Grund ist, den Architekten in die Zeichnungen zu schauen und in dem Buch "zuzuhören". 

 

Autorin: Dagmar Hotze, 11/2008