WIEDERENTDECKUNG September 2009
Geschichte des Wohnens in 5 Bänden
1. Bd.: Vorgeschichte, Frühgeschichte, Antike; 2. Bd.: Hausen, Wohnen, Residieren; 3. Bd.: Das bürgerliche Zeitalter; 4. Bd.: Reform, Reaktion, Zerstörung; 5. Bd.: Aufbau, Neubau, Umbau
DVA, leider vergriffen (evtl. Amazon)
Text: Dagmar Hotze
In wirtschaftlichen und sozialen Umbruchzeiten wie diesen, wo sich Dinge wandeln und Werte ändern, ist es anregend, zurückzublicken. Mit den 5 Bänden der Geschichte des Wohnens gelingt dies vorzüglich. Wer sich hier einliest, der stellt bald fest, wie sensibel dieses Thema durch alle Epochen besetzt war. Aus der vorzeitlichen Notwendigkeit, ein Dach über dem Kopf zu haben, wurde durch die Jahrhunderte der Wunsch nach den behaglichen "vier Wänden" manifest. Man möchte fast meinen, Wohnen sei etwas sehr Privates - was es auch ist. Gleichzeitig belehren uns die 5 Bände aber auch eines besseren: Wohnen unterlag stets sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strömungen. Nicht zu vergessen die vielen modischen und architektonischen Launen. Die ausgiebige Lektüre bietet die Möglichkeit, Wohnen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Bestenfalls hilft sie, die aktuelle Diskussion um energieeffizientes und altersgerechtes Wohnen besser zu verstehen. Und die Erkenntnis reift, dass uns das Thema Wohnen noch lange beschäftigen wird.
WIEDERENTDECKUNG Juli 2009
Xtreme Houses - Englische Ausgabe
Courtney Smith/Stephan Topham
Geb., 164 Seiten, zahlr. Fotos u. Abb.
ISBN 3-7913-2789-5
Prestel Verlag, leider vergriffen (evtl. Amazon)
Text: Dagmar Hotze
Wir sind alle Architekten!
Im beginnenden 21. Jahrhundert wird die Funktion von Architektur und die daraus entstehenden Wohnverhältnisse neu hinterfragt. Steigende Energiepreise, veränderte Gesellschafts- und Lebensmodelle und bautechnische Fortschritte zwingen, eine Antwort auf die Frage zu finden: Wie wollen/müssen wir zukünftig bauen und wohnen? 90 Jahre nachdem das Bauhaus versucht hat, architektonische Antworten auf die gesellschaftlichen und baulichen Herausforderungen des 20. Jahrhunderts zu finden, stehen wir gerade erst am Anfang dieses Prozesses. Das Buch Xtreme Houses, bereits im Jahr 2002 erschienen, gibt ungewöhnliche Ausblicke auf (zukünftige) Wohnvorstellungen.
Die Autoren Smith und Topham stellen zu Beginn klar, dass sie keine Architekten sind. Jedoch haben sie ihr ganzes Leben in mehr oder weniger praktikablen Wohnungen und kaum durchdacht konzipierten Häusern verbracht, so dass sie sich durchaus eine Beurteilung dessen zutrauen, was sich "Architektur" nennt. Diese wohltuende Keckheit stimmt den Leser bereits im Einführungstext darauf ein, dass er keinen Hochglanz-Bildband von architektonischen Meisterleistungen in den Händen hält, sondern etwas über radikal neu gedachte Wohn- und Architekturformen erfährt.
Gleich im ersten Kapitel stellt das Autorenteam das Image des Häuslebauers auf den Kopf. Angesichts konfektionierter Vorstadtreihenhaus-Architektur, die in ihrer Unpersönlichkeit niemals den individuellen Bedürfnissen der Bewohner gerecht werden kann, präsentieren die Autoren alternative Objekte, deren Eigenheit sich bereits in der Verwendung von Baumaterialien ausdrückt. Beton, Glas und Klinkerfassaden erhalten eine herbe Abfuhr. Die im anschließend präsentierten Kapitel Move to the sticks gezeigten Bauformen muten, zugegebenermaßen, utopisch an. Das Motto hier: Raus aus der Stadt, rein in die Natur. Zu finden sind die gezeigten Objekte daher in Wüsten, Wäldern, auf Bäumen und auf dem Wasser. Die Ideen des niederländischen Architekten Hermann Hertzberger zum Wohnen auf dem Wasser sind keine Zukunftsvision. Vorausschauend auf den Klimawandel und dem damit ansteigenden Meeresspiegel, fördert die niederländische Regierung Wohnprojekte auf dem Wasser. An der Küste der Nordsee sollen ganze Städte und Kolonnien auf dem Wasser entstehen.
Die beiden letzten Kapitel sind dem großstädtischen Raum gewidmet. Mobilität und die Knappheit von (bezahlbarem) Wohnraum stehen im Mittelpunkt. Smith und Topham werfen erneut die Frage nach dem Nutzwert von Gebäuden, die nach dem 2. Weltkrieg gebaut wurden, für die Bewohner auf. Was bietet eine Hochhaus-Wohnung in einer Trabantensiedlung dem Bewohner mehr als umbauten Raum? Sind nicht bloß bauliche Planspiele von Architekten umgesetzt worden, ohne den Blick auf den Bewohner? Und ist dies nicht heute noch so? Die Radikalität der Thesen ist an manchen Stellen des Buches wie ein Offenbarungseid für die Architektur der vergangenen sechzig Jahre.
Doch vor allem macht das Buch Lust auf die kommende Architektur. Zum ersten Mal seit der Ära des Bauhauses steht das Individuum bei Architekten und Städteplanern wieder im Fokus - oder sollte es stehen. Zukunftsfähige Gebäude müssen sich dem Bewohner anpassen und nicht umgekehrt. Sie sollten energieautark, flexibel in der Nutzung und in ihren Funktionen automatisch steuerbar sein, für Komfort, Sicherheit und Kommunikation.
In seinen Beispielen ist Xtreme Houses sicherlich nicht überall übertragbar. Aber das Buch bietet eine Fülle von Denkansätzen und visuellen Eindrücken. Daher gehört es zum Standardrepertoire jedes Architekturstudiums.
© Prestel Verlag
Hanno Rauterberg
Worauf wir bauen - Begegnungen mit Architekten
Geb., 157 Seiten, zahlr. farb. Abb.
ISBN 978-3-7913-4014-2, € 24,95
Prestel Verlag, sofort lieferbar
Text: Dagmar Hotze
"Heute gibt es kaum noch vernünftige Handwerker mehr, und wenn gebaut wird, dann sind es meist nur noch Renditeobjekte. So sehen die Gebäude dann eben auch aus." Bereits auf Seite 31 begegnet der Leser diesen markanten Worten von Günter Behnisch, dem Grand Segnieur der transparenten Baugestaltung. Diese Direktheit zeichnet alle Interviews aus. Wer denkt, dieses sei "nur" ein weiteres Buch über globalschaffende Stararchitekten, der wird eines Besseren belehrt. Der "Baumeister" hat ausgedient. Angesichts knapper werdender Rohstoffe, sind nachhaltige Baukonzepte gefragt, die Teamplayer erfordern, keine über allem schwebenden Baukünstler. Architekten haben endlich wieder eine (gesellschaftliche) Aufgabe.
In seinem jetzt vorliegenden Interviewband versammelt der renommierte ZEIT-Kritiker Hanno Rauterberg viele Antworten, die man so sicherlich nicht von weltweit umgarnten Architekten vermutet hätte. Ästhetik spielt nach wie vor eine Rolle, wie könnte es auch anders sein. Hinzugekommen in die Reflektion über Sinn und Zweck von Architektur im 21. Jahrhundert ist ein weiterer Aspekt, der bis vor kurzem nur eine geringe Rolle spielte: die Frage der ökologischen und damit auch ökonomischen Funktionsweise des Objektes. Zu der gestalterischen Frage, wie ein Gebäude aussehen soll, ist die Frage nach der effizienten und Resourcen schonenden Gebäudetechnik hinzugetreten. "Wir brauchen neue intelligente Materialien, ein neues Glas zum Beispiel, das nicht nur gut isolierend wirkt, sondern auch noch wie eine Solarzelle funktioniert (...)", sagt Norman Foster, der bereits viele effiziente Materialien verwendet hat und damit einer der Vorreiter der nachhaltigen Architektur ist. Der 1925 geborene Frei Otto geht gar von einer "mobilen Stadt" aus, in der die Menschen zukünftig leben und arbeiten. "In 50 Jahren werden Mobilheime selbstverständlich sein". Keine so fremde Vorstellung für unser Leben, das bereits heute vom Unterwegs sein bestimmt ist.
Dem Interviewer ist es gelungen, den Architekten praktische Ansätze zu entlocken statt Visionen. Außerdem regen die Fragen und Antworten den Leser zum Weiterspinnen an, eben weil sie keine utopischen Fantastereien sind, sondern nachvollziehbare Möglichkeiten. "Ein guter Architekt ist immer Entwicklungshelfer, ein Hausarzt, jemand, der den Menschen nicht ein Gebäude verordnet, sondern ihnen hilft, sich eine passende Unterkunft zu bauen", sagt Frei Otto an späterer Stelle. Denkt man an die vergangenen Jahrzehnte, haben das viele Städtebauer sichtbar vernachlässigt. Über großflächige Abrißaktionen wird in manchen Kommunen aktuell nachgedacht, angesichts vieler maroder und damit unrentabler Hochhausbauten, die niemand mehr bewohnen will und wird.
Nach der Lektüre stellt man fest, dass sich der Beruf des Architekten in einer Umbruchphase befindet. Er ist weniger Künstler, mehr Dienstleister; er ist nicht Gestalter, sondern setzt ein (nachhaltiges) Baukonzept um. Ob er "nur" Dienstleister ist, wie Peter Zumthor beklagt, ist fraglich. Schließlich haben es auch Architekten mit ihren (Dienst-) Leistungen in der Hand, für eine ansprechende, nachhaltig wirtschaftende Wohn- und Lebenswelt zu sorgen. Zum Wohle der Menschen, der Natur und letztendlich einer sozial verträglichen Gesellschaft. Zu viel der Aufgaben für die Architekten? Dann sollte sich jeder umschauen, sich fragen, was ihn umgibt? Richtig, unser Leben ist umgeben von Architektur. Wenn das kein Grund ist, den Architekten in die Zeichnungen zu schauen und in dem Buch "zuzuhören".