Eine kurzweilige Angelegenheit: Wohnen in der Zukunft
Im Gespräch: Peter Sloterdijk und Werner Sobek
Text: Dagmar Hotze
23. April 2010 - Energieeffizienz, Ressourcenschutz, Nachhaltigkeit - abstrakte Begriffe, mit denen die wenigsten Menschen etwas anfangen können. Auch dann nicht, wenn ihre alltägliche Lebenswelt davon betroffen ist, insbesondere die eigenen vier Wände. Stellt man weitergehende Überlegungen zum Wohnen in der Zukunft an, wird die Wissensvermittlung schwierig. Zu utoptisch klingen die Szenerien, die manche Architekten entwerfen, zu einfach erscheinen die Versprechen der Fertighausindustrie. Wie also kann der Zugang zum Thema "Wohnen" erleichtert werden, bei dem wir immerhin 30 Prozent unseres gesamten Energiebedarfs verbrauchen und das uns im Alter daran erinnert, wie unflexibel die Räume auf unsere veränderten Bedürfnisse "reagieren"? Der erste Schritt zu mehr Erkenntnis besteht darin, einem Gespräch zwischen dem gestalterischen Visionär Werner Sobek und dem Philosoph Peter Sloterdijk zu folgen. Praktischerweise ist dies jetzt mit der erschienenen DVD "Wohnen in der Zukunft" möglich, eine Aufzeichnung anlässlich der vielbeachteten Ausstellung "Interieur/Exterieur" des Kunstmuseums Wolfsburg im März 2009.
Zugegeben, futuristische Wohnentwürfe sind nicht jedermanns Sache. Und Architekten verlieren sich auch gerne darin. Der Bauingenieur und Architekt Werner Sobek geht jedoch einen gänzlich anderen Weg. Für ihn steht der Mensch und die Natur gleichwertig bei der Frage nach einer baulichen Ästhetik im Mittelpunkt wohnlicher Entwürfe. Architektur, Technik, Natur und Mensch sollen eine Symbiose eingehen dürfen - keine Entfremdung hervorrufen. Ein Aspekt, der in den vergangenen Jahrzehnten in der Wohnarchitektur kläglich vernachlässigt wurde - auch und gerade von den Bauschaffenden selbst, wie Sobek kritisch anmerkt. Peter Sloterdijk setzt die Überlegungen des Visionärs in den Kontakt philosophischer und kulturhistorischer Betrachtungen. Denn die Frage nach zeitgemässen Wohnformen ist keine unserer Zeit. Sie zieht sich durch alle Jahrhunderte und ist direkt verknüpft mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen - wie sie auch heute in erheblichem Maße stattfinden. Insofern ist die Suche nach dem Wohnen in der Zukunft keine futuristisch-ästhetische, sondern eine notwendig praktische, auf die Bauschaffende bestrebt sein sollten, Antworten zu finden. Sobek nimmt seine Berufskollegen hier in die besondere Pflicht. Der schonende Einsatz von Energie, Material und Ressourcen versteht sich dabei für ihn von selbst. Nachhaltigkeit muss nicht gefordert, sondern angewendet und gelebt werden.
Nach 43 Minunten ist man erstaunt, welchen Einfluss Wohnen beziehungsweise umbauter Wohnraum auf den Menschen und sein Verhältnis zu Natur und Umwelt hat. Gerne hätte man länger am kurzweiligen Gespräch teilgenommen. Bei einem anschließenden Spaziergang durch zugeparkte Strassen und innerstädtischen Häuserschluchten wünscht man die beiden neben sich - ob sie wohl lange mitgegangen wären?
Die DVD ist exklusiv über das Büro Werner Sobek zu beziehen.