Smart Special GdW

Zunehmende Diskussion über Vernetztes Wohnen verändert Denkprozesse

 

6. Oktober 2009 - Die Wohnungswirtschaft durchläuft eine enorme Wandlungsphase. Steigende Energiekosten und die sich verändernde Mieterstruktur zwingen die 3.000 Mitgliedsunternehmen des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen in den kommenden Jahren neue Wege zu beschreiten. Konnte der energetische Modernisierungsdruck noch mit bautechnischen Mitteln durch Fassadendämmung abgemildert werden, so stellt die Überalterung der Gesellschaft die Wohnungsunternehmen vor völlig andere Herausforderungen. Eine Zahl soll dies verdeutlichen: Standen 2006 noch 33 Ältere (ab 65 Jahren) im Verhältnis zu 100 Personen zwischen 20 und unter 65 Jahren, wird sich die Zahl der über 65-Jährigen bis 2050 auf 64 verdoppeln! Davon ausgehend, ist anzunehmen, dass die medizinische Versorgung ebenfalls deutlich zunehmen wird. Es zeichnet sich ab, dass, neben den "klassischen" Orten der gesundheits- und medizinischen Betreuung - Arztpraxen, Krankenhäusern und Pfegeeinrichtungen - der private Haushalt weiter an Bedeutung gewinnen wird. Wie soll diesem Phänomen begegnet werden?

 

Der im September 2009 veröffentlichte Abschlussbericht "Vernetztes Wohnen: Ausbreitung, Akzeptanz und nachhaltige Geschäftsmodelle", der im Auftrag des GdW und der Deutschen Telekom AG vom InWIS Bochum erstellt wurde, liest sich wie ein Ratgeber zur Vermeidung unterversorgter älterer Mieter, durch deren Umzug in eine Pflegeeinrichtung Leerstand und damit Mietausfall droht. Will die Wohnungswirtschaft diesem Problem begegnen, ist sie gehalten, Allianzen mit Partnern aus solchen Dienstleistungsbranchen zu schmieden, mit denen es bislang keine Zusammenarbeit gibt. Es muss daher nicht nur auf eine techniche Vernetzung hingearbeitet werden, sondern auch auf eine branchenübergreifende Verzahnung der Beteiligten. 

 

greenIMMO hat Dr. Claus Wedemeier, der beim GdW unter anderem zuständig  ist für das Thema Vernetztes Wohnen, zu den Konsequenzen des Abschlussberichtes für die Wohnungswirtschaft gefragt.       

Dr. Claus Wedemeier

greenIMMO: Herr Dr. Wedemeier, aus Ihrem kürzlich veröffentlichten Abschlussbericht "Vernetztes Wohnen: Ausbreitung, Akzeptanz und nachhaltige Geschäftsmodelle" geht hervor, dass die fachübergreifende Zusammenarbeit der benötigten Akteure ein, wenn nicht gar der wichtigste Punkt ist, um vernetztes Wohnen weiter voranzubringen. Lassen Sie uns das Vorgehen praktisch betrachten. Wie sieht der erste Schritt aus, den ein Wohnungsunternehmen machen muss, um so ein komplexes Thema überhaupt anzugehen? Welche Hausaufgaben müssen gemacht werden? Wer muss zunächst angesprochen werden?

 

Dr. Claus Wedemeier: Schon in unsererer Arbeitshilfe 54 "Vernetztes Wohnen - Technik, Anwendungen, Geschäftsmodelle" aus dem Jahr 2007 haben wir 10 wohnungswirtschaftliche Praxisbeispiele dokumentiert, die durchaus sehr unterschiedliche Komplexitätsgrade aufweisen und daher schneller umsetzbar sind oder auch mehr Zeit erfordern. Grundsätzlich verfügen Wohnungsunternehmen allein aufgrund umfangreicher Modernisierungen über ein hervorragendes Know-how, komplexe Vorgänge zu planen und deren Umsetzung zu steuern. Wie bei jeder Projektplanung, stehen die klassischen strategischen Fragen über Zielgruppen, dazu passende Dienstleistungen und Auswahl der geeigneten Bestände am Anfang der Überlegungen. Dazu zählt auch, ob bereits bestehende Services inhaltlich oder quantitativ auf weitere Bestände ausgebaut werden können.

 

Komplexer wird es, wenn für die Umsetzung Allianzen vor allem mit Partnern aus solchen Dienstleistungsbereichen geschmiedet werden müssen, mit denen es bisher keine Zusammenarbeit gibt. Nach einer Erhebung des GdW und seiner Verbände aus dem Jahr 2006 verfügten im Jahr 2006 schon rund ein Drittel der Unternehmen über Kooperationsverträge mit Wohlfahrtsverbänden. Über 40 Prozent der Unternehmen boten Notrufsysteme, Rufbereitschaft und Services des vernetzten Wohnens an. Speziell für den Bereich Gesundheitsdienstleistungen müssen dennoch neue Allianzen gebildet oder bisherige Kooperationen um neue Partner der Bereiche Medizin und Technologie ausgeweitet werden. In solchen Fällen hilft der Kontakt mit Kollegen aus anderen Wohnungsunternehmen, die ähnliche Projekte bereits begonnen oder abgeschlossen haben. Sowohl die genannte Arbeitshilfe als auch der aktuelle Abschlussbericht des vor gut einem Jahr gemeinsam mit der Deutschen Telekom gestarteten Projekts nennt entsprechende Ansprechpartner. Nicht zuletzt können sich Wohnungsunternehmen an die insgesamt 15 regionalen GdW-Mitgliedsverbände sowie an den GdW selbst wenden.

greenIMMO: Vernetztes Wohnen soll vor allen Dingen in bestehenden Gebäuden realisiert werden. Wie kann dies gelingen, angesichts einer elektrotechnischen Infrastruktur, die oftmals über 30 Jahre alt ist?

 

Dr. Claus Wedemeier: Hier ist die Ausgangsposition je nach den ausgewählten Dienstleistungen und der vorhandenen Gebäudeinfrastruktur unterschiedlich. Das Bespiel SOPHIA (Soziale Personenbetreuung - Hilfen im Alltag) zeigt, dass auch anspruchsvolle personen-gebundene Dienstleistungen bis hin zu einer direkten Videokommunikation zwischen den Bewohnern mit der Servicezentrale über den heimischen Fernseher oder auch per Internet mit Angehörigen und Freunden ohne teure Umbauten möglich sind. Benötigt werden eine Telefonleitung - vorzugsweise mit DSL-Anbindung - oder ein rückkanalfähiges TV-Kabel. Alle weiteren Komponenten sind lediglich Zusatzgeräte, die in jeder Wohnung installiert werden können. Für andere Anwendungen wie eine zentrale Licht-, Steckdosen- und Rollladensteuerung bieten sich heute auch professionelle und dennoch vergleichsweise preiswerte Funklösungen, die nicht aus dem Baumarkt stammen, an. Diese können nahezu überall nachgerüstet werden. Komplexer wird es jedoch, wenn zum Beispiel eine Heizungs- und Lüftungssteuerung umfangreiche neue Hardware oder gar eine strukturierte Verkabelung (z. B. BUS, Binary Unit System, Anm. d. R.) erfordern. Für diese und andere steuerungsintensive Anwendungen sind Aufwand und Nutzen ggf. alternative technische Konzepte zu prüfen. Insgesamt zeigt sich jedoch, dass sich mit älterer konventioneller Infrastruktur ausgestattete Wohngebäude im Regelfall gut für Anwendungen des vernetzten Wohnens eignen.

 

greenIMMOFestzustellen ist aktuell, dass bei Neubauten, auch bei Senioren-Wohnkonzepten, nur wenig Gebrauch von vernetzender Technik gemacht wird. Nach wie vor sehen die Ausschreibungen konventionelle Komponenten vor, die bei einem späteren Nachrüstvorgang nur Insellösungen zulassen. Wäre nicht eine intensivere Zusammenarbeit gerade mit Architekten und Projektentwicklern dringend notwendig?

 

Dr. Claus WedemeierJa, der Neubau-Bereich bietet sich aus wirtschaftlichen Aspekten für eine engere Zusammenarbeit und eine zukunftsorientierte Verkabelung an. Aus unserer Sicht gibt es dafür zwei sich gegenseitig beeinflussende Ursachen. Erstens sind die Anwendungsfelder und damit die Vorteile vernetzender Technologien vielen Bauherren noch zu wenig bekannt. Die Folge ist, dass sie entsprechende Angebote und Konzepte noch zu selten aktiv von ihren Partnern abfordern. Zweitens weisen auch Planer, Architekten und auch das Elektrohandwerk selbst ihre Klientel noch zu wenig auf die technischen Möglichkeiten hin. Spezielle Netz-Infrastrukturen wie BUS-Verkabelungen haben sich in Wohngebäuden bislang nicht durchgesetzt.

 

Der GdW empfiehlt Wohnungsunternehmen seit vielen Jahren, soweit wirtschaftlich durchführbar, die Wohngebäude sowohl mit einer Datenverkabelung als auch mit einem koaxialen Sternnetz auszustatten. Die Wohngebäude sollten straßenseitig künftig möglichst mit einem Glasfasernetz angefahren werden. Wir gehen davon aus, dass die zunehmende Diskussion über Themen wie Vernetztes Wohnen und das hochauflösende Fernsehen (HDTV) einen neuen Denk- und Entscheidungsprozess vielfach bereits eingeleitet haben.

greenIMMO: Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bietet mit ihrem Modernisierungsprogramm zum barrierefreien Wohnen bereits Anreize, den Wohnraum kommenden gesellschaftlichen Verhältnissen anzupassen. Welche speziell auf vernetztes Wohnen zugeschnittenen Förderprogramme könnten Sie sich vorstellen, die zunächst einmal für eine zeitgemäße Gebäudeinfrastruktur sorgen, mit der sich vernetztes Wohnen dann überhaupt realisieren läßt?

 

Dr. Claus Wedemeier: Das auf einzelne Module abgestellte KfW-Programm "Altersgerecht umbauen" trägt den Anforderungen eines Wohnens für ein langes Leben in besonderem Maße Rechnung und wird ausdrücklich begrüßt. Schon jetzt werden damit zum Beispiel technische Vorrichtungen zum Gebäudezutritt wie Gegensprechanlagen, Türantriebe und deren Bedienelemente sowie haustechnische Maßnahmen im Inneren der Wohnung wie Schalter, Anschlüsse und Bedienungseinrichtungen gefördert. Der Einbau von Notrufsystemen ist ebenfalls berücksichtigt. Der GdW fordert bereits jetzt, dieses Programm auch nach 2011 auf hohem Niveau fortzuführen.

 

Allerdings sind derzeit ausschließlich Kipp- und Tastschalter in der Elektroinstallation förderfähig. Sensortasten, Touchscreens und berührungslose Bedienelemente werden als unzulässig definiert. Solche Ristriktionen hemmen eine weitergehende Vernetzung und sollten künftig entfallen. Zudem ist zu überlegen, auch kabelgebundene und kabellose Infrastrukturen sowie Sensoren und Aktoren, die über eine Vernetzung eine unter Wirtschaftlchkeitskriterien sinnvolle Steuerung und Bedienung von Licht, elektrischen Geräten, Türen, Fenstern und Rollläden ermöglichen, in das Förderpro-

gramm einzubeziehen oder gesondert zu fördern. Bei allen Maßnahmen ist auf eine einfache Bedienung und einen tatsächlichen Nutzen für die Bewohner zu achten. Technische Spielwiesen sind für die Bewohner und für Wohnungsunternehmen kontraproduktiv, da sie die Akzeptanz neuartiger Technologien und Services für die Zukunft gefährden.

greenIMMO: Wie unterstützen Sie Ihre Mitglieder bei der Bewältigung dieser Mammutaufgabe vor Ort? Verfügen die Landesverbände über entsprechende Kontakte zu fachkundigen Instituten, Kompetenzzentren oder anderen Organisationen, mit denen die Unternehmen dann auf lokaler oder quartiersbezogener Ebene kooperieren können?

 

Dr. Claus Wedemeier: Ja, viele der rund 3.000 in einem der 15 regionalen GdW-Mitgliedsverbände organisierten Wohnungsunternehmen verfügen bereits über entsprechende Erfahrungen. Wohnungswirtschaftliche Unternehmen und Verbände sind allein in sechs von derzeit 17 vom Bundesministerium für Forschung und Entwicklung geförderten Projekten im Bereich des Ambient Assistent Living (AAL), das dem Konzept des vernetzten Wohnens überwiegend entspricht, engagiert. Die in der schon genannten GdW-Arbeitshilfe dokumentierten 10 Projekte des vernetzten Wohnens erfassen nur einen Ausschnitt vergleichbarer Projekte und Aktivitäten. Aktuell hat eine vom GdW in Kooperation mit der Deutschen Telekom initiierten Expertenrunde "Gesundheitsdienstleistungen in der Wohnung" neue Vernetzungsoptionen zwischen Wohnungs- und Gesundheitswirtschaft identifiziert und wird angestoßene Projekte mit dem Ziel, die Wohnung als Gesundheitsstandort zu entwickeln, weiter begleiten. Zudem arbeitet der GdW derzeit an dem Aufbau eines Internetportals "Wohnen für ein langes Leben", das dem Know-how-Transfer innerhalb und außerhalb der Wohnungswirtschaft dienen soll. Trotz der vielfältigen Aktivitäten befinden sich Wohnungsunternehmen und ihre Partner noch am Anfang einer spannenden Entwicklung auf einem teilweise bislang noch wenig bekannten Terrain.

 

greenIMMO: Angesichts von Sanierungsmaßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz und den jetzigen Bestrebungen vernetztes Wohnen zu etablieren, kann man davon ausgehen, dass die Aufwendungen für Wohnen in den kommenden Jahren ansteigen werden? Wie läßt sich das mit dem in Ihrer Studie aufgeführten "Mehrwert" vereinbaren?

 

Dr. Claus Wedemeier: Erfahrungsgemäß hat der Nutzer mit seinem Wohnverhalten erheblichen Einfluss auf Energieverbrauch und Energiekosten eines Gebäudes. Studien gehen von einem Einsparpotenzial von bis zu 25 % aus. Die Erschließung dieses Potenzials kann durch vernetztes Wohnen unterstützt werden. Erfolgreich sind schlanke Konzepte mit günstigem Verhältnis von Aufwand und Nutzen.

 

Energiesparende Modernisierungen sind erfahrungsgemäß hochintensive Maßnahmen mit Investitionssummen von mehreren 100 €/m². Gerade auch in energetisch modernisierten Gebäuden kommt es darauf an, dass die Nutzer die mögliche Energieeinsparung durch die baulichen Maßnahmen auch durch ihr Verhalten realisieren. Es gibt erste Hinweise, dass das Wissen um energetische Modernisierung oder den Einsatz erneuerbarer Energien dazu verführt, im Verhalten nachlässiger zu werden bzw. sich den Komfort zu erhöhen, indem höhere Temperaturen oder längeres Duschen genutzt werden. Auch hier können Technologien den Nutzer unterstützen, sein Verhalten langfristig energie- und damit kostensparend auszurichten. Ein weiterer Ansatz ist, den Mietern das Verbrauchsverhalten transparent zu machen. So laufen bereits bei einzelnen Wohnungsunternehmen erste praxisnahe Anwendungen, bei denen Mieter den eigenen Energieverbrauch über den heimischen Fernseher oder über den PC abrufen können.   

 

greenIMMO: Herr Dr. Wedemeier, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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