2. November 2009 - "Stell Dir vor überall ist Krise und Du bist ein innovativer Mittelständler im Bereich Elektro-, Informationstechnik oder Ingenieurwesen". Was dann tun? Abwarten, wird schon alles gutgehen oder die Chancen nutzen, die sich angesichts der Bildung neuer Märkte im Bereich der Informationstechnologien bieten. Letzteres ist sicherlich vorzuziehen, erst recht, seitdem das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand, kurz ZIM genannt, aufgelegt hat. ZIM ist ein bundesweit geltendes technologie- und branchenoffenes Förderprogramm für mittelständische Unternehmen und für mit diesen zusammenarbeitenden wirtschaftsnahen Forschungseinrichtungen. Vom 1. Juli 2008 bis Ende 2013 soll ZIM den KMUs eine verlässliche Perspektive zur Unterstützung von Innovationsaktivitäten bieten. Im Rahmen des "Paktes für Beschäftigung und Stabilität in Deutschland zur Sicherung der Arbeitsplätze, Stärkung der Wachstumskräfte und Modernisierung des Landes" (Konjunkturpaket II) wurden die Mittel sogar aufgestockt. Ein Erfolgsmodell, wenn man sich die Zahl von 2.000 bewilligten Projekten ansieht, Stand September 2009.
Uns hat interessiert, ob sich die zunehmende Verschmelzung verschiedener Disziplinen, wie z.B. der Informationstechnologie mit der Gesundheitswissenschaft bzw. mit der Bau- und Immobilienwirtschaft in den Projekten widerspiegelt? Und, ob die KMUs tatsächlich in der Lage sind, durch das Dickicht der Förderprogramme zu finden. Als Beispiel haben wir das Programm ZIM-KOOP genommen, bei dem ein KMU mit einer Forschungseinrichtung zusammenarbeitet. Am OFFIS - Institut für Informatik in Oldenburg haben wir uns mit Matthias Brucke, Bereichsleiter Business Development FuE-Bereich Verkehr, getroffen und ihn gefragt.
Matthias Brucke
greenIMMO: Herr Brucke, als Bereichsleiter Business Development des OFFIS in Oldenburg, nutzen Sie das Zentrale Innovationsprogramm für den Mittelstand (ZIM), das die Bundesregierung zur Förderung von Forschung und Entwicklung für KMUs aufgelegt hat. Gerade die Informationstechnologien konvergieren mit anderen Disziplinen wie der Gesundheitswissenschaft, der Elektrotechnik, aber auch im Bereich der Bau- und Immobilienwirtschaft. Welche Hilfestellng bietet Ihr Institut kleinen und mittelständischen Betrieben in diesen Sparten, die zwar das fachliche Know how besitzen, nicht aber die wirtschaftliche Kraft, innovative Produkte auf eigenes Risiko zu entwickeln bzw. weiterzuentwickeln?
Matthias Brucke: OFFIS sieht sich als Transferinstitut, d.h. wir versuchen eine Scharnierfunktion zwischen Grundlagenforschung und industrieller Anwendung wahrzunehmen. Wir führen unsere Forschungsaktivitäten immer in Kooperationsprojekten mit industrieller Beteiligung durch. Aus welchem Programm ein konkretes Projekt gefördert wird, hängt letztendlich von den Interessen der Industriepartner und von unseren Forschungsinteressen ab. Wenn sich da eine Übereinstimmung ergibt, begeben wir uns auf die Suche nach einer guten Fördermöglichkeit. Das kann ein ZIM-Projekt oder auch ein großes EU-Projekt sein. Allein in den letzten 6 Jahren haben wir ca. 400 Forschungsprojekte mit ca. 250 Partnern durchgeführt. Eine typische Kooperation mit KMUs läuft sehr oft so ab, dass ein KMU uns mit konkreten Problemen oder Produktideen kontaktiert und wir dann gemeinsam überlegen, wie wir helfen können. Wenn technische Ansätze existieren und die Notwendigkeit von Forschung nicht gegeben ist, helfen wir gerne durch Beratung oder durch eine Auftragsentwicklung. Wenn das Problem allerdings nur durch Forschung zu lösen ist und noch nicht ganz klar ist, wie eine Lösung aussieht, versuchen wir auch, gemeinsam mit dem Unternehmen einen Förderantrag zu produzieren. Dabei fällt uns erfahrungsgemäß bei mittelständischen Partnern ein großer Teil der Antragserstellung zu. Später im Projekt helfen wir dann auch bei der Abrechnung mit den Fördergebern. Diese Kompetenzen haben wir natürlich auch aus den vielen Projekten.
greenIMMO: Laut Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) wurden die bei staatlichen Förderprogrammen üblichen bürokratischen und verfahrenstechnischen Hürden für KMUs bei den ZIM-Programmen stark minimiert. Welche Voraussetzungen muss ein KMU trotzdem erfüllen, um an einem dieser Programme teilnehmen zu können?
Matthias Brucke: Die Innovationsbereitschaft muss da sein und der Wille, eigenen Aufwand und eigenen technischen Beitrag zur Forschung zu liefern. Man merkt sehr schnell, ob diese Voraussetzungen erfüllt sind, wenn man mit einem Unternehmer spricht. Wird dort von Herausforderungen gesprochen oder von Schwierigkeiten, gibt es eine Offenheit gegenüber neuen Ideen oder eher eine abwehrende Haltung. Herausforderungen und Probleme als Chance zu begreifen, ist nicht allen Unternehmern gegeben. Wer aber glaubt, er könne mit dem ZIM-Programm schnell an öffentliche Töpfe heran, der irrt. Ein Unternehmen muss von seiner Struktur her dementsprechend aufgestellt sein. Wir haben auch schon Forschungsprojekte mit 1-Mann-Unternehmen zusammen gemacht. Aber das sind Ausnahmen. In der Regel sollte der Betrieb über mindestens 5 - 10 Mitarbeiter verfügen. Sie müssen bedenken, dass Sie Mitarbeiter für das Projekt abstellen müssen, trotzdem muss der normale Betrieb weiterlaufen. So nebenher geht das nicht. Und, das KMU bekommt nur einen Teil seiner Kosten erstattet. Forschungsprojekte machen für Unternehmen nur Sinn, wenn im Rahmen der Forschungsprojekte Dinge entwickelt werden, die die Unternehmen wirklich machen wollen.
greenIMMO: Lassen Sie uns einen Blick auf das Themenspektrum der Projekte werfen. Nehmen wir hier den Bereich der altersunterstützenden Technik, auch Ambient Assistent Living (AAL) genannt. In dieser neuen Mischform aus Informations-, Elektro- und Medizintechnik steckt ein enermes wirtschaftliches Potenzial, gerade im Hinblick auf die demografische Entwicklung in Deutschland. In wie weit spiegelt sich das in den eingereichten und dann genehmigten Projekten wider?
Matthias Brucke: Das Themengebiet AAL ist noch relativ neu, insofern sind viele Projekte noch sehr grundlagenorientiert. OFFIS ist in mehreren Projekten mit einer Vielzahl von Partnern aktiv. Dies sind aber zum jetzigen Zeitpunkt eher Forschungsprojekte, die vom Bundesforschungsministerium oder der EU finanziert werden. Ein ZIM-Projekt im AAL-Umfeld haben wir im Moment noch nicht, das liegt aber daran, dass noch keine Unternehmen mit Produktentwicklungsideen an uns herangetreten sind, da noch nicht ganz klar ist, wie Produkte im AAL-Umfeld aussehen werden und womit man Geld verdienen kann. In diesem Markt wird in den kommenden Jahren kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. KMUs, die in diesem Bereich tätig sind, werden dann natürlich auch Potenziale für sich erkennen und in diesen Markt eintreten. Der Markt, die Branche und das Produktumfeld sollten genau verstanden sein. Und noch ein wichtiger Punkt: das Unternehmen muss in der Lage sein, vertriebsorientiert zu denken.
greenIMMO: Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit KMUs und Ihrem Institut? Ergänzen sich die Branchen und Disziplinen, so dass für alle eine Win-win-Situation entsteht?
Matthias Brucke: Ich würde sagen, durchweg positiv. KMUs sind sehr oft innovativ und dynamisch und die Entscheidungsprozesse laufen schneller. Die direkte Kooperation mit Mittelständlern verläuft ohne großen Verwaltungsaufwand und sehr effizient. Bei größeren Projekten mit vielen Partnern ist natürlich entsprechend der Verwaltungsoverhead größer. Dafür kann man auch mehr erreichen. Die Projektform und die Finanzierung muss sich immer nach den inhaltlichen Herausforderungen richten.
greenIMMO: Würden Sie aus Ihrer jetzigen Sicht die ZIM-Programm auch nach 2011 fortführen - trotz der sehr angespannten Lage des Bundeshaushalts?
Matthias Brucke: Eindeutig ja, auch wenn es nicht meine Entscheidung ist. Insgesamt ist ZIM ein sehr flexibles Programm, das es erlaubt, Innovationen mit dem Mittelstand zu entwickeln.
greenIMMO: Herr Brucke, wir danken Ihnen für das Gespräch.